Über die Liebe zur Musik…

„Wir hatten Glück“
– Im Gespräch mit Ein Gutes Pferd

Vor 6 Monaten gepostet,von Ling

Am 9. Juli werden die vier guten Pferde fünf ganze Jahre alt. Zu diesem Anlass nehmen sie den allerersten Song, den sie zusammen gespielt haben, auf und veröffentlicht ihn. Und punk wie sie sind gibt’s das gute Stück sogar für umme. Da das ein Anlass zum Feiern ist, haben wir uns kürzlich im schönen Viktoriapark zu Berlin mit zwei Pferden getroffen und über dies und das gesprochen.

Lieblingstape: In meinen Augen habt ihr eine relativ ungewöhnliche Vergangenheit: Die Band hat sich über einen linken Mailverteiler zusammengefunden. Was erwartet man denn, wenn man sich dort bei fremden Menschen meldet?

Valentin: Eigentlich hatte ich mir geschworen ich mache das nie wieder. (lacht) Früher habe ich immer so Musiker*innen gesucht. Das hat zwar auch immer irgendwie so funktioniert, war aber nie so wirklich angenehm, aber ich persönlich wusste mir nicht anders zu helfen. Ich habe einfach keine Leute getroffen, die Bock auf das hatten, worauf ich auch Lust hatte und dann hat es eben funktioniert. Ich hatte nicht so viele Erwartungen und am Ende war ich sehr positiv überrascht.

Aaron: Ich war der Letzte, der dazu kam. Die Anderen hatten sogar schon eine vier Track Demo instrumental aufgenommen und damit die nächste Person gesucht. Bei mir war es auch so, dass es das erste Ding war, wo auch Punk mit dabei war. Daraufhin war ich auch schon in freudiger Erwartung und habe mich gemeldet und dachte: „Ja cool. Endlich mal Punk!“ Und dann hat‘s zufälligerweise gleich gefunzt.

 

Euch gibt es schon seit fast 5 Jahren und gerade scheint es, als würdet ihr durchstarten. Was ist eure Meinung dazu?

Aaron: Das ist auf jeden Fall seit Beginn ein Stück weit das aufregendste Jahr. Wir haben vorher gedacht, dass wir unseren Peak schon erreicht haben was die Anzahl der Konzerte im Jahr angeht. Mit dem neuen Album war das Feedback krasser, was echt schön war und schon in der ersten Jahreshälfte haben wir so viele Konzerte gespielt wie sonst unser Maximum war. Herbst und Winter ist auch schon gebucht. Von daher ist gerade glücklicherweise viel zu tun. Das ist schön.

Valentin: Definitiv was Aaron sagt. Aber durchstarten – ich sehe uns nicht als the next big hit. Was für mich persönlich eine Wertschätzung ist, ist dass ich das Gefühl habe, dass sich so langsam eine Selbstverständlichkeit eingroovt. Wir müssen nicht mehr so hart hinterherkleben an allen Sachen und das Draufzahlen wird sukzessive etwas weniger. Das ist schon auch ganz angenehm.

Aaron: Ich glaube auch, dass dieser Eindruck gern schnell entsteht. Uns ist das bei Konzerten begegnet gegenüber Veranstalter*innen, dass die uns voller Enttäuschung sagten: „Ich weiß nicht, ob heute wer kommt. Ihr seid jetzt so groß.“ Der eigene Eindruck ist da schon ein anderer. Ich glaube, der Eindruck entsteht, wenn ein bisschen mehr über dich geschrieben wird. Aber gefühlt spielen wir noch immer kleine Konzerte in kleinen Käffern.

Valentin: Ein paar Leute sind total darauf abgegangen, dass die Visions uns besprochen hat beziehungsweise den Stream unserer Platte gemacht hat. (Klick) Ein Veranstalter hat das als Aufhänger für eine Bewerbung gemacht und meinte: „Ist voll gut, dass ich euch noch kriege, weil demnächst kann man euch ja gar nicht mehr bekommen.“

Aaron: Und dann bist du auf einmal Tagestipp im Stadtanzeiger von Hildesheim! (beide lachen)

 

Euer erstes Album ist jetzt seit November draußen. Wie war das halbe Jahr?

Valentin: Viele Konzerte mit vielen Überraschungen. Wir haben auf der Tour mit Lygo und auf der Tour mit Turbostaat so viele CDs wie noch nie verkauft. Das meine ich in Abgrenzung zu Vinyl, was wir sonst verkaufen. Das war eine Überraschung für mich. Ansonsten war es ein Flash und es war auch anstrengend. Wir haben viel Wertschätzung erfahren. (überlegt) Ich finde auch erwähnenswert, dass Leute, die uns vorher ziemlich abgefeiert haben, uns auch hart kritisiert haben für das Album. Aber insgesamt war es super.

Wie kam es eigentlich zu der Zusammenarbeit mit Lygo bei „Flanders Perle“?

Aaron: Wir haben, glaube ich, 2014 in Kamen mit Lygo zusammengespielt und haben uns auf Anhieb gut verstanden. Da gab es im Anschluss die Idee, mal was zusammen zu machen. Eine Split oder so. Dann hat das aus Zeitgründen nicht geklappt und als wir dann an der Platte dran waren, kam bei uns relativ spontan die Idee. „Flanders Perle“ hat ziemlich viel Wandlung durchgemacht und der moshpige Endpart, der dazu gekommen ist, war für uns mal ein bisschen was anderes und da der so gewaltig ist haben wir spontan an die Lygos gedacht und gefragt, ob sie Bock haben mit drauf zu singen.

Valentin: Simon und Jan haben einfach eine wahnsinns Stimme. Das passte einfach gut zu dem Song.

Singen sie denn auch live mit?

Valentin: Ja, in Münster haben sie mit performt. Davon gibt’s auch ein Video (hier zu sehen).

 

Ihr geht jetzt in die Sommerpause, wie ich las. Was habt ihr geplant? Wann geht’s weiter? Warum Sommerpause?

Aaron: Beste Zeit für Urlaub und da finde ich es auch passend, wenn man selber nicht spielt, dass man auf Festivals gehen kann. Wir wollen auch neue Songs schreiben. Da stehen Konzerte auch etwas im Weg.

In diese Zeit fällt auch der 9. Juli. Was hat es denn mit diesem Tag auf sich?

Valentin: Am 9. Juli sind wir genau fünf Jahre alt beziehungsweise fand da die erste Probe zu viert in einem Kellerloch in der Paul-Linke-Straße statt. Und wir haben uns überlegt, dass fünf Jahre schon eine beachtliche Zeit ist – es ist meine längste Band.

Aaron: Ja, geht mir auch so.

Valentin: Und wir haben uns überlegt, dass wir zu dem Anlass den allersten Song, den wir gemeinsam gespielt haben, den wir nie aufgenommen haben und den wir auch nie live performt haben, wo es sozusagen nur eine Demo Version mal gab, neu aufnehmen und zum kostenfreien Download bereitstellen und auch noch ein kleines Video dazu basteln.

 

Ihr spracht gerade schon darüber: Der April 2017 war euer bisher konzertreichster Monat. Erzählt mal. Wie kam das zustande?

Aaron: Wir hatten Glück, würde ich sagen. Es hat sich so ergeben, weil zum einen die Jungs von Lygo uns gefragt haben bei derer ersten Tour mitzuspielen (mit Lygo sprachen wir hier unter anderem über die Tour). Das war ein Schlag Konzerte auf einmal. Dass wir dann von Turbostaat auch noch gefragt wurden war auch noch im April und dann haben wir um diese Support-Konzerte selber noch bisschen rumgebaut und auf einmal waren es zehn Konzerte im April. Das ist eine glückliche Fügung, würde ich sagen.

Und wie war’s auf Tour? Welche Musik lief im Auto? Wer ist gefahren?

Valentin: Wir sind alle gefahren. Ich glaube der einzige Fahrer, der wirklich seine Musik hört, ist Aaron. Ich kann wunderbar auch mit normalem Mainstream-Radio Auto fahren.

Aaron: Ich glaube das liegt auch ein Stück weit daran, dass ich irgendwann das Gefühl gehabt habe, dass wir immer das gleiche hören. Wir haben eine gemeinsame Schnittmenge – (Valentin unterbricht)

Valentin: Wir haben eine Weile auf der Rückfahrt immer ClickClickDecker gehört!

Aaron: Ja, wenn es zurück geht und wir fertig sind dann lieber ruhigere Klänge.

Was ist das Schönste am Tourleben? Und was das Nervigste?

Valentin: Das Schönste sind die Konzerte und gute Gespräche. Für mich ist das eigentlich das Tollste. Das Nervigste ist die Fahrerei.

Aaron: Scheiße finde ich immer: Kein Rückzugsort vorher. Die schönste Zeit ist natürlich das Konzert und die Zeit danach. Du wartest die ganze Zeit und dann passiert endlich die Entladung beim Konzert und danach ist meistens richtig gute Stimmung. Besonders cool finde ich es, wenn man mit anderen Bands zusammenspielt, die man entweder gut findet oder für sich neu entdecken kann.

Valentin: Man macht auch richtig gute Freunde. NO°RD zum Beispiel. Die sind aus Münster und als wir da mit Lygo Abschlusskonzert hatten waren die auch fast komplett da und wir haben mit denen noch ewig gefeiert.

Mit wem würdet ihr gern mal zusammen spielen?

Valentin: Strike Anywhere.

Aaron: (überlegt einen Moment) Aktuell würde ich gern mal mit OIRO spielen.

Kurze Schnellfragerunde! Sekt oder Selters?

Aaron: Sekt.

Frühling oder Herbst?

Valentin: Frühling.

Zug oder Auto?

Aaron: Auto.

Ebbe oder Flut?

Valentin: Flut.

Fliegen oder Tauchen?

Aaron: Tauchen.

Stadt oder Land?

Valentin: Stadt.

Huhn oder Ei?

Aaron: Huhn!

Rechts oder links?

Valentin: Links.

 

Aaron, vor Jahren hörte ich in einem Interview, dass du eher so mittel begeistert davon bist, die Texte von jemand anderem zu singen. Ist das noch immer so?

Aaron: Ja, also. Klar. Das ist bei uns eigentlich kein Thema, weil ich die Texte schreibe. Von daher ist das keine Debatte. Ich finde es einfach merkwürdig, die Gedanken von jemand anderem vorzutragen, weil das mein Weg ist, mich auszudrücken. Ich spiele ja kein Instrument in der Band und da kann ich meinen Scheiß abladen, meine Geschichten erzählen, meinen Blick auf die Dinge darlegen. Am Anfang hat Valentin mal gefragt, ob er Texte schreiben darf und das hat mich bisschen überrascht. Da habe ich lieber mal nein gesagt. (beide lachen) Man weiß ja auch nicht, was dabei herauskommt. Ich bin durchaus sehr kritisch was Texte angeht. Für mich steht und fällt eine Band mit den Texten.

Valentin: Ehrlich gesagt ist das auch ganz gut. Aarons Texte sind mit Abstand besser als das, was ich damals fabriziert habe. Ich finde Aaron macht das ziemlich gut und ich finde vor allem, dass man über die Jahre auch eine Entwicklung der Texte sieht. Gerade „Fratze“ vom neuen Album, dessen Text die offensichtlichste politischste Message hat, die wir haben, hat mir sehr, sehr gut gefallen. Wir sind eine basisdemokratische Band mit Veto-Recht und ich glaube in den fünf Jahren ist das nie gezogen wurden. Es gab eher: „Hey, denk doch mal über die Zeile nach.“ Aber das ist wie wenn Aaron sagt: „Denk doch mal darüber nach, ob du einen anderen Akkord spielen möchtest.“

Aaron: Eigentlich passt das von vornherein.

Wie kamst du denn zum Schreiben?

Aaron: Ich habe 2001 im Winter von meiner Ma eine Gitarre gekriegt. Als ich zwei Akkorde konnte, dachte ich: „Jetzt kannst du doch ein Lied schreiben.“ Das habe ich bei mir recht früh bei meiner Musikbegeisterung bemerkt, dass ich einen Fokus auf die Texte lege und als es dann losging mit vorrangig deutschsprachiger Punk-Musik, habe ich Bands gehört, die mich textlich total geflashed haben und dann wollte ich auch anfangen Geschichten zu erzählen. Ich konnte selber wenig und bin nicht so der begabte Musiker, würde ich sagen und habe die Texte nach meinen Möglichkeiten mit der Gitarre begleitet. Aber das Sachen erzählen ist das, was ich machen wollte.

Valentin: Ich muss hier mal kurz einwenden. Ich finde das Reduzieren eines Musikers auf ein Instrument wie Gitarre oder so nicht sinnvoll. Ich bin auch kein besonders begabter Bassist, aber ich glaube es ist eher mit was für einer Begeisterung du rangehst. Ich finde schon, dass zum Beispiel Aaron viele Ideen außerhalb der Texte mit einbringt. Ich glaube es ist eher eine Frage der Herangehensweise, wie viel Energie du reinsteckst, wie viel du versuchst mit beizusteuern.

Aaron: Ich finde Kreativität oder Ideen haben kann auch eine Begabung kompensieren. Lieber viele Ideen haben und nix drauf haben, anstatt keine Ideen zu haben und der Gott an der Gitarre zu sein.

Der Blog heißt ja Lieblingstape – was sind eure drei liebsten Platten aktuell?

Aaron: Wirklich auch aktuell: Shitty Life aus Italien. Die haben gerade auf Spastic Fantastic eine 7″ rausgebracht, self titled meine ich. Die ballert mich gerade richtig weg. Dann habe ich gerade TØRSÖ aus Kalifornien für mich entdeckt. Die Platte, die ich momentan höre, ist die „Sono Pronta a Morire“. Nummer 3 muss ich kurz überlegen.

Valentin: Ich bin eigentlich nicht so ein Albenhörer. Zu Hause lege ich mir eine Platte auf, aber unterwegs höre ich gerade eine Playlist die heißt „AKA Punk“ und zwar unter dem Hintergrund, dass nicht alles Punk ist. Einer der Songs, der mich wahnsinnig mitgenommen hat in den letzten Jahren, sodass sich aufstehen und tanzen will, ist „Shake It Off“ von Taylor Swift. Dann gibt es einen Remix von „Nazi Freie Zone“ von Johnny Mauser & Captain Gips von Tubbe. Und Nummer 3 wäre Thema Turbostaat: Ich habe die ziemlich lange ignoriert. Ich konnte damit nicht so viel anfangen, gerade mit den ersten beiden Platten und entdecke die gerade für mich neu und auf der Playlist ist „Drei Ecken, ein Elvers“. Ich stehe auf Popmelodien, ich stehe auf Hymnen!

Aaron: Mir ist die letzte eingefallen. Von Blumen Am Arsch Der Hölle ist eine Reissue bei Major Label rausgenommen. Da war eine 7″ dabei mit drei unveröffentlichten Proberaumstücken. Das war die krasseste Begeisterung überhaupt!

 

Und die Begeisterung schwappt über! Danke für das Gespräch.

 

Das Interview führte Ling.

About Ling

"Ich will das Lied nur noch zu Ende hören."