Über die Liebe zur Musik…

„Slightly above average“
– Im Gespräch mit Drangsal

Vor 2 Monaten gepostet,von Ling

Im April 2016 erschien das Debüt Album von Drangsal. „Harieschaim“ erinnert an die einprägsamen Klänge der 80er und bringt gleichzeitig einen ganz neuen Sound mit. Das Album ist seither in aller Munde und vor allem Max Gruber, der Kopf hinter dem Projekt, steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Seit einiger Zeit blitzen auf diversen Social Media Plattformen immer mal wieder Fotos auf, auf denen zu sehen ist, dass die Gruppe Drangsal bereits an den Aufnahmen zum zweiten Album sitzt. Wir haben uns daher mit Max getroffen, um mit ihm die Erfahrungen im Arbeiten mit der Band zu rekapitulieren und das neue Album schon einmal anzureißen.
 

Lieblingstape: Hallo Max. Schön, dass du dir Zeit nimmst. Wie geht’s dir denn?

Max: Ganz okay.

Als Einstieg – was sind drei Sachen, die wir gemeinsam haben?

Max: Viele Tattoos, einen guten Musikgeschmack. (überlegt) Ich glaube wir haben viel gemeinsam. Ich überlege gerade, was ich wirklich sagen will. (überlegt) Ich glaube wir haben beide einen guten Humor.

 

Erzähl mir doch mal von der ersten Headliner Tour. Wie lief die denn?

Max: Gut. Die zweite war aber geiler. (überlegt) Der erste Teil war gut, aber der zweite war besser. Musikalisch und man wächst ja mit seinen Aufgaben.

Wie sieht denn das perfekte Drangsal-Konzert für dich aus?

Max: Wenn sich alle anderen wohl fühlen fühle ich mich auch wohl. Vor allem in meiner Band. Ich mach das oft abhängig von Christoph: Schlagzeug ist mir das wichtigste und das brauche ich auch neben meinem Gesang und meiner Gitarre am allerlautesten. Und ich merke an der Art und Weise, wie Christoph spielt, wie es ihm geht. Wenn ich merke es geht ihm gut dann geht’s mir auch gut. Aber vor allem: Wenn die Leute Spaß haben! Wenn ich das Gefühl habe alles hat funktioniert und manchmal auch wenn viel schief geht. Finde ich nice.

Was hast du gelernt, was man vor einem Konzert nicht machen sollte?

Max: Zu viel Saufen! Das habe ich beim Dockville das erste Mal so richtig gemerkt. Ich habe ein Müh zu viel getrunken und war aber total aufgeregt und es gingen auch paar Sachen schief. Ich habe mich die ganze Zeit verspielt und auch daneben getreten bei den Effektgeräten und so. Es war eine Mischung aus Saufen und Aufregung. Was darf man noch nicht machen vor dem Konzert? So eine Stunde vorher möchte ich einfach nicht, dass man mit mir redet. Ich gehe dann weg und mache Dehnübungen und Gesichtslockerung. Das ist wie ein Ritual.

Inzwischen gibt es Drangsal-Fans, die überall hinfahren. Was ist das für ein Gefühl? Kann man das nachvollziehen? Wie findest du das?

Max: Nee. Ich find’s gut, aber ich würde es nicht machen. Vielleicht in dem Alter. Es ehrt mich natürlich voll und ich freue mich darüber auch, aber ich denke mir immer: „Kids, spart euch doch euer Geld.“ Ich kann nur von mir ausgehen und ich würde bei so einer „neueren“ Band – und das sage ich auch nur, weil ich selber drin steck – lieber in größeren Zeitabständen kommen, um zu schauen, was sich verändert.

 

Freunde teilten mir mit, dass die Show in London vor allem von der Presse gut besucht war. „Drangsal is the next best shit“, hieß es.

Max: (unterbricht) Ich habe keine Lust im Ausland berühmt zu werden, weil es mir viel anstrengend ist da zu spielen. Ich habe in Heidelberg meine Stimme komplett verloren und musste dann in derselben Nacht noch nach London fahren, wo wir dann tagsüber angekommen sind, direkt aufbauen, das Konzert spielen und dann eigentlich direkt wieder zurück. Ich kann froh sein, dass es hier funktioniert und dass ich in einem Land lebe, wo es so einen Markt noch gibt. Was wolltest du fragen? (lacht)

Tatsächlich war meine Frage, ob es dein Ziel ist, internationaler zu werden.

Max: Nee. Also ja, aber nee.

 

Du hast mir irgendwann mal gesagt, dass du am besten am Abend arbeitest.

Max: Ja. Nachts.

Kannst du mir deinen Schreibprozess erklären? Was passiert wann?

Max: Meistens ist es Langeweile und dann setze ich mich hin und dann fange ich mit irgendwas an. Meistens Schlagzeug oder Bass oder Gitarre, in der Reihenfolge. Es ist auch so bisschen Trial and Error mäßig: Ich mache was und dann gehe ich noch einmal zurück zum Anfang und versuche es noch einmal besser zu machen.

Wie handhabst du die unterschiedlichen Gefühle „Ich habe etwas zu sagen“ und „Habe ich etwas anderes als alle anderen anzubieten?“?

Max: Das glaube ich nämlich gar nicht! Ich habe nicht das Gefühl, dass ich ein generelles Statement machen muss, sondern ich rede nur über mich und wie ich finde, dass die Dinge sind. Meine Motivation ist immer gefühlsbetont über etwas zu schreiben, was mich in irgendeiner Art und Weise bewegt.

 

Lass uns mal über das neue Album sprechen.

Max: Okay. Auch wenn es noch nicht fertig ist.

Ja. Was ich mich zum Beispiel fragte, ist, wie es kommt, dass das zweite Album schon geschrieben ist? Hast du nicht für das erste fünf Jahre gebraucht?

Max: Voll, aber da hatte ich auch kein Ziel vor Augen. Und jetzt, wo man es einmal gemacht hat und glaubt zu wissen, wo die Schwachstellen beim letzten Mal lagen und was man dieses Mal besser und vor allem anders machen will, war der Drang größer. Es war alles bisschen definierter und strukturierter. Auch, dass der Hauptinhalt meines Lebens Musik machen ist und auch mein Beruf. Ich glaube es ging nicht schneller, es war nur fokussierter.

Mir ist auf jeden Fall beim Hören der Demos aufgefallen, dass sich das Album ein bisschen wie eine Mischung aus Anime Theme Song, 80’s und Farin Urlaub anhört.

Max: „Theme Song“ kriege ich am allerhäufigsten. Ich weiß auch genau, was der entscheidende Moment ist, der das themenmäßig klingen lässt. Kevin von Die Nerven hat auch gesagt, dass ein Lied wie eine Küchenwerbung klingt. (Max singt den Werbejingle) Ich weiß nicht. Irgendwie hat er auch Recht, aber ich finde es auch okay.

Findest du okay?

Max: Ja, ich kann damit umgehen. Ich scheue mich nie vor Vergleichen, aber ich glaube, dass es auf jeden Fall wichtig war, genau die Sachen jetzt zu machen. Für mich. Man hat nicht mehr dieses „du bist was Neues und deswegen so interessant“, aber ich glaube, dass es musikalisch nichts ist, was die Leute erwarten würden. Ich glaube, dass vielen denken, dass das erste, was man davon hören wird, sowas sein wird wie „Love me or leave me alone“, mit übelst kranken Drum Patterns und ganz viel Synthesizer. Ganz natürlich hat sich das ergeben, dass es einfach überhaupt nicht so ist.

Glaubst du, es gibt einen Grund dafür, dass das neue Album so einen deutschsprachigen Schwerpunkt hat? Das Verhältnis deutsch/englisch hat sich im Prinzip komplett umgedreht.

Max: Ja. Weil viele meiner Zeitgenossen und Freunde deutsch singen und ich gemerkt habe, dass das ein Feld ist, das ich für mich noch nicht so entdeckt habe. „Will ich nur dich“ war einer der ersten Songs, wo ich das gemacht habe und das war spannend. Dann kam „Zur blauen Stunde“ und dann dachte ich: „Das ist irgendwie interessant für mich.“ Ich glaube das, was ich momentan sagen will, kann ich auf Deutsch besser ausdrücken. Gibt aber auch englische Songs auf dem Album.

Was ich interessant finde sind die Parallelen vom ersten zum zweiten Album. Das „Love me or leave me alone“ wird in „Und du“ zu „Lieb mich oder lass mich in Ruh“.

Max: Volll! Aber es ist ja nur in „Und du“. Irgendwann habe ich mal eine Review gelesen über das zweite Heiterkeit Album und da haben die sich auch selbst zitiert und wurden deswegen total verrissen. Dann habe ich das neue Metallica Album gehört und das ist so eine Band, die machen das ständig. In „St. Anger“ singt er eine Textzeile aus „Hit the lights“. Und bei The Smiths in dem Song „Paint a vulgar picture“ singt er „And when it fails to recoup?/Well, maybe/You just haven’t earned it yet, baby”, was auch ein Liedtitel ist. Ich finde das immer so einen lustigen Moment, wenn Leute sich selbst zitieren. Ich glaube, dass es viel zu früh ist das jetzt zu machen und dass es genau deswegen der richtige Zeitpunkt ist. So kann man sich ja alles selber zurecht rücken.

 

Wir sprachen auch über Prozesse. Diesbezüglich finde ich auch den Bandprozess spannend. Das erste Album fast du ja fast komplett alleine aufgenommen.

Max: Christoph hat Schlagzeug gespielt auf zwei Songs.

Dann gab es da eine live Band, irgendwann bestand Drangsal aus vier Personen und inzwischen seid ihr zu fünft. Wie erklärt sich das?

Max: Muss. Die Leute sind auch so verwundert, dass dann drei Gitarren auf der Bühne sind. So: „Warum habt ihr den drei Gitarristen?“ Weil in dem Song acht Gitarren sind und weil ich versuche es runterzubrechen auf die Sachen, die irgendwie wichtig sind und deswegen sind wir zu fünft. Einfach, um das noch besser wiedergeben zu können.

Bereust du irgendwas, was ihr als Band getan habt?

Max: Nee. Ich versuche Dinge nicht zu bereuen, wenn ich an einem Punkt bin, wo ich happy bin. In der Gegenwart versuche ich Sachen aus der Vergangenheit nicht zu bereuen, weil hätte man sie anders gemacht, wäre man jetzt vielleicht gar nicht an dem Punkt, wo man ist. Und natürlich war’s dumm ohne Bassist auf der Bühne zu stehen: Sam hat Gitarre gespielt, ich auch, Tim auch und Bass vom Band. Aber ich glaube, dass Metamorphose wichtig ist innerhalb von einer Band. Alle sind auch viel besser geworden an ihren Instrumenten.

Aber schön das zu sehen!

Max: Voll. Ich bin auch ein viel besserer Sänger geworden. Deswegen habe ich auch nicht das Gefühl, dass ich mich bei dem Album jetzt unbedingt hinter ganz vielen Vocal Effekten verstecken muss wie beim letzten Mal.

Und wie gehst du damit um missverstanden zu werden?

Max: LOL. (Pause) Damit muss man ja sowieso. Aber was heißt missverstanden? Ich fühle mich non stop missverstanden, aber bei den falschen Sachen. Das ist weird, aber wenn ich anfange, nur danach zu leben, werde ich crazy. (überlegt) Ich glaube, ich werde eigentlich relativ okay verstanden. Sagen wir mal so 6/10. Slightly above average.

 

Mit welcher Lohnarbeit würdest du dein Leben bestreiten?

Max: Keine Ahnung.

Stand nie zur Debatte?

Max: Achso, doch. Aber irgendwas, wo ich am Computer sitzen kann halt. Dieses Radio Ding ist eigentlich auch okay. Ich weiß nicht, was ich machen würde, wenn ich keine Musik mehr machen würde. Songs schreiben für Andere? (kurze Pause) Callboy. Irgendwas Leichtes halt.

Ich glaube nicht, dass das so leicht ist.

Max: Muss man alles ausprobieren. Sonst kann man nicht drüber reden.

 

Gibt es ein Lied, von dem du sagen würdest, dass es das wichtigste ist, das du je gehört hast?

Max: Ist ständig so! Ich bin ja dieser abgedroschenen Meinung, dass alles, was man hört, einen positiven Einfluss auf einen hat. Auch die Dinge, die man scheiße findet, weil dann weiß man halt, was man nicht gut findet. (überlegt) Ich höre immer noch ganz viel Tool und Metallica. Aber es gibt jetzt keinen einzelnen Song, wo ich so den Finger drauf halten würde und… (unterbricht sich selber) „ Stop me if you think you’ve heard this one before“ von den Smiths kommt mir da in den Kopf! Weil das für mich so zu der Zeit die Tür zu emotionaler Gitarrenmusik geöffnet hat und auch zu den 80ern mehr oder weniger. Da muss ich dran denken und wahrscheinlich stimmt der Song auch.

Letzte Frage: Was kommt auf dein Lieblingstape?

Max: Ich musste mal so 17 Stunden mit dem Regio von Herxheim nach Berlin fahren und hatte einen Kassettenrecorder dabei und damals hatte ich nur so ein paar Tapes. Und zwar den Dirty Dancing OST und von der Band Cruel Force das erste Album „The Rise of Satanic Might”.  Wahrscheinlich würde eines dieser Tapes komplett mein Lieblingstape werden. Wahrscheinlich der Dirty Dancing Soundtrack. Ich finde den ziemlich gut. Der ist ziemlich frei von Fehlern.

Ich finde das ist ein super Schlusswort. Danke dir.

Max: Hey, danke ebenso.

 

Das Interview führte Ling.

About Ling

"Ich will das Lied nur noch zu Ende hören."