Über die Liebe zur Musik…

  • Photo by Kane Hibberd

The Smith Street Band
– More Scared Of You Than You Are Of Me

Vor 8 Monaten gepostet,von Eileen

Wo auch immer man Wil Wagner auf dieser Welt trifft – in einer Klo-Schlange in New York, in einem Hinterhof eines Berliner Clubs, oder einfach nach Konzerten beim Rauchen – er ist stets einer der freundlichsten und herzlichsten Menschen im Punk-Business und das merkt man auch diesem Album an. Wie beschrieb Wil es so schön in „Don’t Fuck With Our Dreams“: „We’ve been driving round singing songs about driving round singing songs“. Das ist auch dieses Mal nicht anders und dennoch ist auf „More Scared Of You Than You Are Of Me“ eine Weiterentwicklung zu erkennen, was auch daran liegen mag, dass die vier Folk-Punker aus Melbourne nach dem eher depressiven „Throw Me In The River“ nicht noch ein trauriges Album nachschieben wollten. Oder um es mit Wils eigenen Worten aus „Passiona“ zu sagen:

„I’ll try not to write another record about the pain in my chest.“

 

Diesen Vorsatz konnte man auf der melancholischen Vorabsingle „Birthdays“ erkennen. Ein Song über ein Zufallstreffen auf einem Pier, inklusive wunderschönem Video des mit der Band befreundeten Filmemachers Neal Walters, in dem Will zusammen mit Gast-Sängerin Jess Locke kitschige Zitate mit einem ironischen Unterton vermischt. Dieses Wechselspiel („You’ll be the one looking confused – I’ll be the one looking for you“ // „I don’t mean to put the pressure on I got a few names for a daughter. Can’t think of one for a son“) zieht sich durch den gesamten Song und macht das Lied zu einer Hymne für alle „zu-schnell-Verliebten“.

 

Auch andere Songs wie „Song For You“, bei welchem es um die großen drei Worte („Last night I said, ‚I love you‘ nothing exploded no one disappeared“) geht, schlagen in die selbe Kerbe und schaffen es dabei immer wieder durch Wils hervorragende Beobachtungsgabe und seinen lyrischen Fähigkeiten nicht ins Peinliche oder Unangenehme abzudriften, auch wenn es teilweise nur um alltägliche Dinge, wie den 25. Geburtstag geht („When I turned 25 I was terrified. Still haven’t learnt to do the dishes, my mum was my age when I became alive“). Aber auch Wils persönliche Dämonen sind wie immer Thema der Platte, wobei „It Kills Me to Have to Be Alive“ wohl sein bisher persönlichster Song geworden sein dürfte.

 

„More Scared Of You Than You Are Of Me“ spricht allgemein viele Probleme der Generation der 20 bis 30-jährigen an und verpackt diese in einen wunderschönen lyrischen und musikalischen Rahmen. Denn dieser ist neben Wil Wagners Fähigkeiten eines der Alleinstellungsmerkmale der Band, da sie sich im Gegensatz zu anderen Punk-Bands der heutigen Zeit auch durchaus Raum für Experimente gibt. Was mit Streichern bei „Calgary Girls“ begann, setzt sich bei „More Scared Of You Than You Are Of Me“ nahtlos in Form von Streichern, Bläsern und einem Chor fort. Selbst Produzent Jeff Rosenstock ließ es sich nicht entgehen für die Vorab-Single „Birthdays“ an den Synthies zu stehen. Aber nicht nur ruhige Elemente beherrschen das Album, so dürfte „Suffer“ der bisher härteste aller Songs sein, bei dem der verzerrte Gitarrensound und die Lyrics („You’re the worst thing that ever happened to me“) die letzte Wut vor dem ruhigen Finale herauslassen.

 

Das Ende von „More Scared Of You Than You Are Of Me“ bietet im Song „Laughing (Or Pretending To Laugh)“, ähnlich wie „I Love Life“ auf dem letzten Album, einen krönenden Abschluss:

„And I don’t wanna marry you just yet although it’d probably help with my visa. And we can continue having this conversation I’ll just go and get us both a Bacardi Breezer. And Just because I’ve got a lot to learn does not mean that I am inherently a piece of shit. Just because I don’t think I know everything doesn’t mean that I don’t know anything“

Wer schafft es sonst Selbstzweifel, Selbstbewusstsein, die Ehe und Bacardi Breezer in einem finalen Song seiner Platte unterzubringen?

 

Abschließend lässt sich sagen, dass jeder, der nach Hymnen für das nicht immer perfekte Leben sucht, bei der Smith Street Band fündig wird. Die vier schaffen es für jede noch so banale Situation die passenden Worte zu finden und das nicht nur im musikalischen Sinne: Jeder, der einmal die Möglichkeit hatte sich mit ihnen zu unterhalten, nur eines unserer Interviews las. oder sich ihre Kampagnen für Flüchtlinge, Gleichberechtigung und vieles mehr in Australien ansah, weiß, dass diese Band auch im zwischenmenschlichen Sinne immer vorne mit dabei ist.

 

Also hört in das Album rein, ihr werdet es nicht bereuen, wenn ihr ein Herz für die lyrischen Ergüsse von John K. Samson habt oder die alten Against Me! vermisst. Hier werdet ihr fündig. Aber auch allen anderen sei diese Platte wärmstens ans Herz gelegt.

 

THE SMITH STREET BAND – live 2017
* mit: The Bennies
20.06. DE – Berlin – About : Blank *
21.06. DE – Köln – MTC *
22.06. DE – Wiesbaden – Kesselhaus *
23.-25.06. DE – Neuhausen ob Eck – Southside Festival
23.-25.06. DE – Scheessel – Hurricane Festival
24.06. NL – Ysselsteyn – Jera On Air *
26.06. BE – Antwerpen – JC Kavka *

Jan.

 

 

About Eileen

"Eigentlich wollte ich ja nicht mehr über Musik reden... "