Über die Liebe zur Musik…

„Wir haben Bock nachzulegen!“
– Lygo im Interview

Vor 8 Monaten gepostet,von Ling

photo-01-12-2016-21-22-25Längst ist der dreiköpfige Drache, der aus Bonn kommt und in der Regel auf den Namen Lygo hört, kein Geheimtipp mehr. Die Punk-Band begleitete in den vergangenen Jahren Größen wie Adam Angst oder Heisskalt auf Tour, wohnte Festivals bei und hat ein Debutalbum hingelegt, das wie eine Rakete durchstartete. Und das gleich doppelt, denn „Sturzflug“ erschien zunächst 2014 auf CD und 2015 noch einmal auf Vinyl. Nachdem vor etwa einem Jahr die zweite EP „Misere“ veröffentlicht wurde und Lygo aktuell auf „Winter überstanden“-Tour sind, haben wir die Musiker im Berliner Tiefgrund getroffen, um den aktuellen Stand abzufragen.

Lieblingstape: Bitte alle einmal vorstellen. Name und Auftrag.
Daniel Roesberg: Daniel, am Schlagzeug
Jan Heidebrecht: Ich bin Jan und spiele Bass und schreie.
Simon Meier: Und ich heiße Simon und ich spiele Gitarre und singe.

Über eure jeweiligen Hintergründe liest man ja doch relativ wenig. Was habt ihr vor Lygo gemacht?
Jan: Vorher haben wir auf jeden Fall nichts gemacht. Wir haben mit der Freundschaft angefangen und mit dieser Band ist das unser erstes musikalisches Projekt.
Wie lange seid ihr denn in dieser Konstellation schon unterwegs?
Jan: Unser erstes Konzert hatten wir 2009 und seitdem sind wir auch in dieser Besetzung unterwegs.
Simon: Das hat dann aber noch länger gedauert, bis das herangereift ist. Wir haben 2013 erst das erste Album aufgenommen und bis dahin auch relativ wenig gemacht.

Was hat euch zur Musik gebracht? Gab es da ein einschneidendes Erlebnis?
Jan: Bei mir war es kein Erlebnis, aber auf jeden Fall mein Bruder. Er ist zwei Jahre älter als ich und er hat mir früher die ersten Bands gezeigt. Ich weiß noch, wie er mir das erste Mal Turbostaat und Muff Potter gezeigt hat. Das war auf jeden Fall für mich prägend.
Daniel: Ich bin durch Jan an die Gitarre gekommen. Das hat er mir so’n bisschen beigebracht. Die ersten Power Chords und so. (lacht) Und dann haben wir uns zusammengefunden, haben aber keinen Schlagzeuger gefunden und da ich auch Interesse daran hatte Schlagzeug zu spielen habe ich das dann einfach begonnen.
Soll die Musik als Einkommensquelle etabliert werden? Oder schaut ihr einfach was passiert?
Simon: Eher letzteres und das ist auch bei uns so ein Dauerthema, wie hoch die Band als Priorität gesetzt wird. Da sind wir innerhalb der Band einfach unterschiedlicher Meinung. Für manche ist das Ganze vielleicht bisschen höher gestellt als für andere. Trotzdem haben wir einen Weg gefunden, dass das läuft. Wir sehen das aber ganz realistisch, dass wir aktuell davon überhaupt nicht leben können und dass es nicht realistisch ist, dass das in naher Zukunft passieren wird. Da ist eher das Ziel Kostendeckung zu erreichen.

Anders als „Sturzflug“ ist „Misere“ direkt auf Vinyl erschienen. Wie kam das? Was hat sich im Vergleich zum Album bei der EP geändert?
Daniel: „Sturzflug“ haben wir anfangs ohne Label veröffentlicht. Da wir nicht so viele finanzielle Möglichkeiten hatten, haben wir uns für die CD nur entschieden. Dann wurde ja nachträglich noch „Sturzflug“ auf Schallplatte gemacht. Kidnap Music, unser Label, wollte dann auch noch die EP machen.
Simon: Da war es lustigerweise andersrum, dass wir erst auf LP veröffentlicht haben und dann mit dem Label zusammen geschaut haben, wie es läuft und dann noch die CD nachgeschoben haben.
Vielleicht könnt ihr den Prozess von „Misere“ auch mit dem Prozess von „12 Minuten“ gegenüberstellen?
Jan: Die „12 Minuten“ EP waren vier Lieder. Drei davon habe ich gesungen und so haben wir halt angefangen. Dass ich am Anfang noch viel mehr gesungen habe. Und über den Prozess der Band hat es sich dann so entwickelt, dass Simon jetzt mehr singt.
Simon: Ist vielleicht auch wichtig, dass die „12 Minuten“ EP eigentlich keine Platte war, wo wir uns überlegt hätten, wie wir was machen wollen. Das war die erste Demo überhaupt. Kumpels von uns hatten irgendwie bei den Eltern Aufnahmemöglichkeiten und dann haben wir es so gemacht, wie es ging. Bei der „Misere“ hatten wir das erste Mal die Situation, dass wir so‘n bisschen überlegen konnten, in welchem Studio es cool wäre.

Habt ihr eine Steigerung bemerkt? Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass es die letzten Jahre kaum Interviews mit euch gab und seit einigen Wochen sprießen ständig neue hoch.
Daniel: Ist ja auch neu für uns irgendwie und interessant.
Simon: Hat jetzt gerade aber auch damit zu tun, dass wir die erste eigene Tour spielen. Wir haben jetzt ein Booking, mit dem wir zusammen arbeiten, wodurch das möglich ist. Wir haben im Oktober angefangen, uns Gedanken zu machen, wie man die Tour bewerben kann und deswegen erklärt das vielleicht, dass du in den letzten Wochen das Gefühl hattest, dass da immer mehr kommt.

Ihr seid ja aktuell mitten in eurer ersten Headliner Tour. Wie läuft es denn bisher? Seit dem Start in Köln ist heute der vierte Abend.
Simon: Es läuft ziemlich gut. Wir hatten einen Tour-Vorläufer in Köln. Der war ausverkauft und die Show in Hamburg war ausverkauft. Der Vorverkauf wurde überall ein bisschen genutzt und das war das Beste, womit wir gerechnet haben.

Abgesehen davon, dass Punk Bands „per se“ politisch sind – inwieweit seht ihr euch denn als politische Band? Ich denke da zum Beispiel das „Bochum Total“ im letzten Jahr, das ihr aus politischen Gründen abgesagt habt.
Jan: Wir sind auf jeden Fall keine politische Band, die politische Texte macht oder Statements in den Liedern verarbeitet. Aber wir sind auf jeden Fall politische Menschen und sehen das als sehr wichtig, dass wir als Band ein politisches Statement haben.
Simon: Und es sind ja auch zwei Paar Schuhe, ob man explizit politische Texte hat oder ob man Haltung zeigt, in Situationen, wo‘s darauf ankommt. Das kann, denke ich, beides unabhängig voneinander existieren.

Was kommen in der Regel für Menschen auf eure Konzerte?
Daniel: (lacht) Tatsächlich unterschiedliche.
Jan: Früher waren das auf jeden Fall ältere Herren Ü40 mit großem Bierdurst. Die kommen immer noch, aber es ist ein großer gemischter Haufen. Was uns aber auch freut, dass wir nicht so eine Altersgruppe haben oder Musikgruppe haben.
Simon: Der Altersdurchschnitt des Publikums ist auf jeden Fall über dem Altersdurchschnitt der Band.

Wer war denn hauptsächlich am Schreiben von „Leben Wert“ beteiligt? Das Lied klingt meines Erachtens nach textlich am meisten nach Lygo.
Jan: Der instrumentale Teil kam ursprünglich von Heisskalt und sie hatten die Idee, dieses Feature mit uns und Lirr. zusammen vor dieser Tour zu veröffentlichen. Textlich hat jeder seinen Teil geschrieben. Wir haben uns vorher zusammengesetzt, um ein Thema zusammen zu finden.
Simon: Also wir haben uns zum Schreiben in Leipzig getroffen. Am ersten Tag haben wir den Text geschrieben und am zweiten Tag aufgenommen.

Wer schreibt denn bei euch generell die Songs?
Daniel: Ja also Texte schreibt meistens einer. Simon hat für „Misere“ die meisten Texte geschrieben. Und dann wird zusammen im Proberaum ein Song entwickelt.
Schreibt ihr schon an neuem Kram?
Simon: Ja, wir haben angefangen ein Album zu schreiben. Wir haben Bock nachzulegen!
Habt ihr ein Konzept, bevor ihr euch zusammensetzt?
Daniel: Wir haben uns kein Konzept ausgedacht. Aber jetzt nach der zweiten Platte, denkt man auch so: „Vielleicht könnte man mal einen Song in die Richtung machen.“ Was wagen vielleicht.
Wann habt ihr mit dem Schreiben von Liedern angefangen? Wann wusstet ihr, dass Schreiben mehr als nur ein Hobby ist? Oder ist es das noch immer?
Simon: Ja also um auf die Prioritäten zurückzukommen – es ist ein Grenzbereich zwischen Hobby und Leidenschaft, die andere erreicht. Es ist kein Hobby, das man nur für sich betreibt und seit der Veröffentlichung über Kidnap Music haben wir gemerkt, dass wir auch mal in einer Stadt sind, in der wir noch nicht waren und dann singen da Leute mit und an dem Punkt merkt man: „Okay, jetzt kommt’s bei Leuten an und wenn sie es mitsingen, werden sie auch irgendwas damit anfangen können.“

Ihr habt das eine lustige Instagram Bild mit dem falsch geschriebenen Bandnamen (siehe hier). Passiert das öfter?
Daniel: Das war ein Streich von der Heisskalt-Crew.
Simon: Das war dann das erste Mal, dass er falsch geschrieben war und im Laufe der Tour wurde er noch sehr viel häufiger falsch geschrieben.
Absichtlich dann aber?
Simon: Genau. „Ein wildes Lygon erscheint“ hatten wir auch. Oder „Lirr“ hatten wir auch. (alle lachen)

Der Blog heißt ja Lieblingstape – was sind eure drei liebsten Platten aktuell?
Jan: Das neue Album von Leoniden höre ich zu Hause rauf und runter. Ein Gutes Pferd höre ich rauf und runter.
Daniel: Queens Of The Stone Age: „Songs For The Deaf”. Frau Potz hat mich damals übelst gekickt und das würde ich auch dazu zählen.
Simon: Frau Potz „Lehnt dankend ab“ ist mir auch direkt in den Sinn gekommen. Das ist eigentlich seit das rausgekommen ist eine meiner Lieblingsplatten. Aktuell La Dispute „Wildlife“ und um noch repräsentativ ‘ne Turbostaat Platte zu nehmen nehm‘ ich noch die „Vormann Leiss“.
Daniel: Turbonegro nehme ich noch mit rein. „Apocalypse Dudes“

Könnt ihr sagen, welches das wichtigste Lied ist, das ihr je gehört habt? Oder meinetwegen können wir es auch auf Platte ausweiten.
(alle überlegen eine Weile)
Daniel: Da habe ich nichts Konkretes.
Jan: Die wichtigsten Platten würde ich wirklich sagen sind die alten Sachen von Muff Potter. Das wichtigste Lied war gerade die Frage?
Eigentlich ja.
Jan: „Frieda und die Bomben“, weil um zum Thema zurückzukommen, dass mein Bruder mich zur Musik gebracht hat – er hatte im Kunstunterricht in der Schule die Aufgabe, ein Plattencover zu gestalten. Er hat zu „Frieda und die Bomben“ ein fiktives Cover gestaltet und über dieses Cover habe ich diesen Song kennengelernt.
Simon: Da kann ich auch noch beitragen, dass ich mit Jan bei ICQ Kontakt hatte und er hat mir den Muff Potter Song „Mensch Meier“ geschickt, weil ich Meier mit Nachnamen heiße und das war dann auch der erste Song von Muff Potter, den ich bewusst gehört habe. Das war für mich so ein Aha-Erlebnis. Ist aber nicht der wichtigste Song, den ich je gehört habe.

Danke für eure Zeit und bleibt so schön wie ihr seid.

Das erste Bein der Tour ist durch, aber es gibt noch ein paar Möglichkeiten, mit Lygo den überstandenen Winter zu zelebrieren:

  • 04. April: Stuttgart – Goldmarks
  • 05. April: München – Sunny Red
  • 06. April: Trier – Lucky Luke
  • 07. April: Wuppertal – Börse
  • 08. April: Münster – Gleis 22

(Die Konzert Fotos sind von Eileen.)

About Ling

"Ich will das Lied nur noch zu Ende hören."