Über die Liebe zur Musik…

„Je m’appelle
Frank Turner!“

Vor 5 Monaten gepostet,von Ara

Für manch einen mag es schon zu viel verlangt sein, für einen Künstler mal weiter als eine Stunde zu fahren. Eine kleine Anzahl von Menschen sieht oftmals genau darin den Reiz. Neue Städte erkunden, neue Menschen und Kulturen kennen zu lernen und den Abend mit einem Konzert in einer völlig fremden Stadt abzuschließen. Es ist aufregend und wird – zumindest für mich – nicht langweilig. Dabei werde ich genau das immer und immer wieder gefragt: Wie oft hast du diesen Frank Turner jetzt schon gesehen? Was mehr als 50 Mal? Wie bitte, du fliegst am Wochenende extra für den nach Frankreich? Ja. Und Frankreich ist nur eines der 16 Länder, in denen ich den Engländer bis jetzt erleben durfte – und trotzdem bleibt es spannend.

 

Ich bin noch nie zuvor in Frankreich gewesen – um ehrlich zu sein, hatte ich es auch niemals vor. In der fünften Klasse hatte ich mich deshalb bewusst für Latein anstelle von Französisch entschieden und trotzdem entschied ich mich kurz vor Silvester dafür, nach Bordeaux und Albi zu fliegen. Die Konzertkarten waren unschlagbar günstig, die Flüge waren günstig – die Hotelpreise okay und der Reiz, mit dem Zug durch ein fremdes Land zu reisen, zu groß.
 


 
Und so ging es vergangenen Freitag mit der Bahn zum Flughafen, Flugzeug nach Toulouse, mit dem Bus zum Bahnhof, mit der Bahn nach Bordeaux, zum Hotel und nach einem kurzen Abendessen weiter ins „Le Void“, ein kleiner Kellerclub im Herzen der Stadt, der 250 Personen fasste und noch nicht einmal ausverkauft war – willkommen in Frankreich! Julien Pras eröffnete an diesem Abend – sanfte Singersongwriter-Töne in einem eher punkish-angelegten Club; der Funke wollte nicht überspringen. Die Tatsache, dass der Raum noch nicht anseitesweise gefüllt war und sich immer wieder Richtung Bar im Erdgeschoss leerte, half dem armen Pras leider auch nicht.

Nach einer kurzen Umbaupause ging es dann mit Forest Pooky weiter, der mich zwar schon an diesem Abend begeisterte, am Folgetag dann jedoch einfach nur umhaute. Mehr dazu weiter unten im Text. Die Stimmung baute sich während seines Sets langsam auf – und ein englischer, stark angetrunkener Gast fiel das erste Mal unangenehm auf.

 

 

Kurz nach elf Uhr war es dann endlich soweit: Frank Turner betrat, nur mit seiner Gitarre und einer Flasche Bier bewaffnet, die Bühne des Le Voids, begrüßte sein Publikum auf französisch und begann den Abend mit dem neuen und durch und durch politischen „The Sand In The Gears“. Uns erwarteten eineinhalb Stunden Solo-Konzert mit ausschließlich französischen Ansagen, einer französischen Version von „Substitute“, einem spontanen „Vital Signs“, über das ich mich sehr freute sowie zwei neuen Liedern namens „Be More Kind“ und „1933“. Leider wurde die Stimmung des ganzen vorderen Saals von einem betrunkenen Engländer nach unten gezogen. Jener wollte sich immer wieder torkelnd nach vorne durch drängeln, wobei er sich kaum noch auf den Beinen halten können. Nach der ersten Hälfte des Sets hätte es deswegen fast eine Schlägerei gegeben. Frank beendete „Love, Ire & Song“ recht apprupt:

 

„Alright, okay. Hold on. Chill the fuck out, okay? Ladies and gentlemen I’m switching to english right now. Fighting is for fucking pricks for fucks sake. I’m not fucking interested in that shit at my shows, okay? Is someone being a dickhead? Than stop being a fucking dickhead! (…) Don’t fucking fight on the show. (…) Here’s an important principal and it’s fucking retarded that I have to say this out in public: Make sure that the way you have fun doesn’t fuck up somebody elses night. Okay!? (…) I am pissed off right now, because I was supposed to speak french all fucking night, now I fucked it up.“

Zwei Songs später kippte die Stimmung erneut und Frank bat seinen Roadie Cahir dazu auf, den jungen Mann zum Ausgang zu begleiten – danke!

 

„Hey mate, listen up. I’m asking you to leave at this point. There’s no point of fucking fighting it. Now piss off!“

 

Am zweiten Tag ging es nach viel zu wenig Schlaf und einem typisch französischem Frühstück in Bahnhofsnähe mit dem Zug weiter nach Albi, einem eingeschlafenem Örtchen mit einem Bahnhof, einer Kathedrale und einer riesigen Stadthalle. Mehr gab’s dort nicht, Essen wird doch nachmittags auch nur an einem Ort verkauft, wie wir schmerzlich am eigenen Leib feststellen durften. Wenigstens der Wein war schmackhaft – sagten zumindest die Damen in meiner Reisegruppe.

 

Auch an diesem Abend kamen wir erst nach Einlass und wurden erneut von Freunden aus England, Irland und Schottland im vorderen Teil des wesentlich größeren Venues erwartet. An diesem Abend eröffnete Label-Kollege Sam Duckworth, den man vielleicht auch unter dem Namen „Get Cape, Wear Cape. Fly“ oder „Recreations“ kennt. Ich sah ihn zum ersten Mal und irgendwie wirkte er auf der großen Bühne so ganz alleine ein wenig verloren und verschüchtert und das, wo er doch so viele Jahre Bühnenerfahrung mit sich brachte!? Aber immerhin schien es den Leuten um mich herum zu gefallen – die Stimmung war deutlich ausgelassener als in Bordeaux.

 

Als nächstes betrat wieder Forest Pooky die Bühne. Groß gewachsen, dichter Bart, flüssiges französisch – es war ein krasser Kontrast zu Sam Duckworths Auftritt. In den nächsten 45 Minuten erlebte ich eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Sein Auftritt war unterhaltsam, auch wenn ich seine Ansagen nur teilweise bis gar nicht verstand – er wusste auf sein Publikum einzugehen. Songs wie „Chossing Lies“, „Your’re A Mess“ oder auch „Let’s Not Speak About Tomorrow“ drückten ordentlich auf die Tränendrüse, während man dabei nicht so wirklich still stehen bleiben konnte. Nach der Show stillte ich meine Vinylsucht direkt mit dem Kauf seiner beiden EPs und habe seither Ohrwürmer seiner Songs. Forest Pooky ist damit bereits jetzt schon meine persönliche Neuentdeckung 2017! Los, checkt den Typen aus!

 

Der Dritte in der Runde war dann schließlich Frank Turner. Der Laden war inzwischen gut gefüllt, aber ebenfalls nicht ausverkauft. Schätzungsweise 350 Menschen waren zu seiner ersten Albi-Show gekommen, freudige Erwartung lag in der Luft. Erneut wurde das Set mit „Sand In The Gears“ eröffnet. Seit ich diesen Song vor zwei Monaten das erste Mal auf Youtube gehört habe, bin ich in ihn verliebt. Lange Zeit hatte Turner sich nicht mehr öffentlich über Politik geäußert, sich dazu entschieden seine Musik aus dem Thema raus zu halten. Mit „Sand In The Gears“ hat er das Schweigen nun gebrochen. Und auch die beiden anderen neuen Songs „Be More Kind“ und „1933“ lassen vermuten, dass das nächste Album genau in diese Richtung gehen wird.

Das weitere Set ähnelte natürlich dem vom Vorabend, doch die Stimmung war an diesem Abend so viel ausgelassener als in Bordeaux. Vor uns stand eine junge Französin, die Frank an diesem Abend zum allerersten Mal in ihrem Leben live sah und alleine zu sehen, wie viel Freude ihr dieser Abend bereitete, ließ mich breit grinsen. Es wurde ausgelassen gesungen und getanzt – wir wurden davon überzeugt, dass „Four Simple Words“ auch in der Solo-Version funktioniert und dass man sich – wie auf nahezu jedem Turner Konzert – mit fremden Leuten aus einem völlig anderen Land in den Armen liegen kann.

 

Auch nach über 50 Frank Turner Konzerten kann ich mich noch über Kleinigkeiten freuen, – zum Beispiel über die Tatsache, dass er seine Solo-Konzerte immer ohne vorgeschriebene Setlist spielt und so an diesem Abend beinahe „The Opening Act Of Spring“ ein zweites Mal begonnen hätte. Oder darüber, dass „Love, Ire & Song“ scheinbar seinen Weg in die feste Setlist zurück gefunden. Darüber, dass mich „1933“ an diesem Abend noch einmal mehr überzeugte als am Vorabend oder dass mit „Journey Of The Magi“ eine absolute Live-Rarität wieder ihren Weg ans Licht fand und mit ihrem Text diesen verrückten Trip nach Frankreich wieder einmal ganz passend zusammen fasste:

 

„Paupers and kings, princes and thieves,
Singers of songs, righters of wrongs, be what you believe.
Saddle your horse, shoulder your load,
Burst at the seams, be what you dream and then take to the road.“

 

Kommenden Monat geht es dann noch einmal ins Nachbarland, noch einmal zu Frank Turner – dann jedoch endlich (!) wieder mit den wunderbaren Sleeeping Souls im Gepäck. Sam Duckworth und Forest Pooky werden auch wieder mit am Start sein. Letzterer dann in Duo-Formation. Und ich hoffe, dass dieses Reisefieber für immer bleiben wird….

 

Fotos: Julia H.

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Ganz egal, ob die Welt jetzt untergeht - ich will mein Tape nur noch zu Ende hören...