Über die Liebe zur Musik…

  • Das sah an dem Abend dann übrigens so aus.

„Der Grund ist auf jeden Fall fehlende Bildung.“
– Turbostaat im Interview

Vor 3 Monaten gepostet,von Ling

photo-01-12-2016-21-22-25In einer Wasch- und Küche des schönen Peter Weiss Hauses in Rostock trafen wir uns am vergangenen Donnerstag mit Turbostaat Gitarrist Marten Ebsen und Bassist Tobert Knopp. Pünktlich zum Tourauftakt hatten wir einige brennend heiße Fragen zum Liederschreiben, dem Album „Abalonia“ und den aktuellen Setlists. Was sie uns zu sagen hatten und warum man beim Video von „Abalonia“ zwei Mal hingucken sollte lest ihr im Folgenden.
 
Ihr wart die letzten 3 Monate krankheitsbedingt mehr oder weniger abwesend. Was habt ihr in der Zwischenzeit so gemacht?
Marten Ebsen: Ich war eigentlich nur zu Hause und wir haben geprobt. Und ich bin in den Urlaub gefahren. (längere Pause) Punkt.
Tobert Knopp: Es ist relativ lange her, dass mal so lange Zeit war, wo nichts war. Das war toll. Das will ich öfter machen.
 
 
 
 
War das so geplant, ein neues Lied aufzunehmen und zu veröffentlichen oder war das von der letzten Platte über?
ME: Ja, halb. Es ist aus einem Grund nicht auf die Platte gekommen, nämlich dass der Gesang noch nicht fertig war. Und den haben wir in der Zwischenzeit jetzt fertig gemacht.
Hätte es sonst eventuell nie das Licht der Welt erblickt oder dann zur nächsten Platte?
TK: Wir hätten noch irgendwas damit gemacht, ja.
ME: Man weiß ja immer, dass es am nächsten Tag anders ist, als es am Tag davor ist.
TK: Aber hier und jetzt: Ja. Wir hätten das Ding bestimmt noch einmal aufgegriffen.
„Die Tricks der Verlierer“ ist als Single angekündigt. Heißt das, dass das Lied auch live gespielt wird?
ME: Wir haben es auf jeden Fall geübt, dass man es auch mal spielen kann.
TK: Wie gesagt ergab sich die Möglichkeit, das noch einmal fertig zu machen und damit etwas anzufangen und – ich kann das jetzt nur von Roland sagen, da wir da lange drüber geredet haben – es ist ein bisschen anders gelaufen als sonst. Normalerweise werden Sachen lange mit rumgetragen, überlegt, irgendwas und dann kam diese Idee, dann gab’s eine Möglichkeit das umzusetzen und dann wurde das alles relativ schnell angegangen und zu Ende gebracht und dann war’s auf einmal ‘ne Sache. Das hat mir daran auch gefallen.
 
Wie hat sich das Schreiben von „Abalonia“ gegenüber den anderen Alben unterschieden?
ME: Für „Stadt der Angst“ haben wir viel mehr Zeit gehabt.
TK: Wir haben ja auch immer so Mechanismen. Früher haben wir uns mal weggeschlossen, da sind wir in so ein Haus gefahren und haben da Musik gemacht. Das haben wir dann auch immer wieder versucht, aber du merkst dann vielleicht beim zweiten Mal, dass das nicht mehr genauso klappt wie beim ersten Mal. Und für mich hat sich das bisschen festgesetzt, dass man eigentlich pro Album nicht sagen kann: Da gibt’s ‘ne Faustregel, wie das immer funktioniert. Das findet sich irgendwie. Jetzt sind wir umgezogen von unserem Proberaum in Schleswig zu einem neuen in Flensburg und jetzt muss man’s halt anders machen. Das einzige, was ich jetzt weiß, ist das sich das überhaupt nicht danach anfühlt, sich hinzusetzen und irgendwas zu überlegen.
ME: Die Platte ist ja gerade erst rausgekommen.
TK: Genau! Alles ist auch immer so schnell! Das Ding ist noch nicht einmal ein Jahr draußen.
 
Bei „Der Sturm“ ist es so, dass der Text und die Musik ineinander greifen. Auch bei „Der Zeuge“ kann man das bemerken. Wann treffen diese beiden Komponenten aufeinander?
TK: Als derjenige, der sich das in dem Moment nicht ausdenkt, ist mein Eindruck immer, dass wenn Marten eine Idee hat, wo es schon eine Textidee gibt, ist dieser Eindruck immer einfacher. Ab und zu, glaube ich, ist die Idee schon vorher da und dann denkt man „Das hört sich an wie ein Sturm“ und dann kann man daran weiterarbeiten. Ab und zu klickt es und dann kann man es vielleicht auch so rüberbringen, weil man sich das auch selber vorstellen kann.
Also ist es schon eine bewusste Entscheidung?
ME: Ich weiß gar nicht, wie ich das erklären soll. Man schreibt ja einfach so Lieder. Wenn man es dramaturgisch aufbaut, muss meistens auch Text und Musik zusammen Sinn ergeben. Es entwickelt sich beides zusammen, parallel. Meistens.
 
Als wir die Geschichte geschrieben haben, die ausschließlich aus Zitaten eurer Texte besteht (mit einem Klick auf „hier“ nachlesbar), ist uns aufgefallen, dass manche Wörter sehr oft vorkommen. Wir haben daraus ein Spiel gebastelt, in dem ihr raten dürft, welches Wort aus zwei beziehungsweise drei Paaren das ist, das am häufigsten in den Liedern auftaucht.
(Anm. d. Red.: Hier die Zusammenfassung, da sich das nicht aufschreiben ließ. Anbei außerdem eine Audiodatei zum mithören:
 


Tod/tot (42) – stirb/sterben (12) – Ende (24)
Schrei/schreien (25) – Atem/atmen (9)
weinen/heulen (18) – lachen/lacht (24)
Pisse (3) – Scheiße (22)
Geld (8) – Angst (17) – Krieg (8)
Kopf (12) – Arsch (13)
Alkohol (Bier, Wein, Schnaps & Kneipe) (8) – Kotze (5)
rechts (2) – links (2)

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Vor längerer Zeit habt ihr Humberto ein Lied geschrieben und ihm geschenkt.
ME: Ja, das war eine 7″.
Wie kann man sich das Lied vorstellen? Ist das ein typisches Turbostaatlied oder so trashig mit Kinderchor?
ME: Es ist trashig aufgenommen. Wir haben das mit Kassettenrekorder im Proberaum aufgenommen.
TK: Derselbe Kassettenrekorder, der auch „Fünfwürstchengriff“ abgespielt hat im Studio. Und das war ein Dank mit der Überlegung: Was kann man machen für ihn? Der hat echt ‘ne Menge gemacht für uns.
ME: Wir haben ein richtiges Lied geschrieben mit Text und so.
TK: Und es ist ein bisschen süß, weil es „Vielen Dank“ sagt.
 
Welche Lieder spielt ihr live denn gar nicht gern?
TK: Alle Lieder, die wir immer spielen. Für mich gibt es verschiedene Kategorien. Zum Beispiel spiele ich „Vormann Leiss“ überhaupt nicht gern live, weil ich bei „Vormann Leiss“ das Gefühl habe jemand legt einen Kopf aufs Keyboard. Ich mag immer nicht die Lieder spielen, die man oft spielt. Alle finden das muss ins Set, aber keiner achtet mehr darauf, ob man noch darauf achtet, was man spielt. Mir haben bei dem Album die Lieder gefallen, die schwer sind. „Eisenmann“ war ganz, ganz schwer für mich.
ME: Es gibt so Lieder, die mag ich nicht jeden Abend spielen. Die gehen mir dann wirklich nach kurzer Zeit fürchterlich auf den Sack. „Vormann Leiss“ mag ich auch nicht jeden Abend spielen.
TK: „Haubentaucherwelpen“ geht mir auch richtig auf den Sack. Das hat zwar eine Form und das ist okay so, aber ich pass da nicht mehr wirklich auf. Bei einigen Liedern muss ich aufpassen wie Schießhund und da merke ich auch „das hat jetzt gut geklappt“ und das macht mich dann auch bisschen glücklich. Ich hab auf der „wir spielen alle Lieder“-Tour – (Marten ergreift das Wort)
ME: Das war schön! Da hat man nämlich mal wieder alle gespielt.
TK: Genau! Da kam erst die Erkenntnis man kann alle Lieder eigentlich spielen. Und da hatte ich auch richtig Bock auf viele Lieder, weil ich die richtig lange nicht gemacht habe.
ME: Wie ist denn das für euch?
Ich hätte Bock auf ein Set ohne die ganzen Hits.
ME: Ohne Hits? Ich wusste nicht mal, dass wir welche haben, aber gut zu wissen. (lacht)
Viel lieber würde ich mal wieder „Unendlich viel Geld“ hören, anstelle von „Insel“ oder „Haubentaucherwelpen“ etc. Diese ganzen Lieder, die cool sind, wenn man sie hört, aber wenn man öfter mal auf Konzerten von euch ist, ist das redundant.
TK: Jip.
Und diese ganzen langsamen Lieder ziehen die Stimmung eher so herunter.
TK:
Wir reden da ja oft drüber. Roland sagt zum Beispiel, dass es Lieder gibt, die den meisten Leuten gefallen und das kann man dann ja auch mal spielen. Es gibt aber auch viele Leute, denen gefällt das auch gut, aber vielleicht stehen da hinten ja auch Leute die mögen was anderes. Eigentlich denkt man ja, da kommen Leute auf ein Konzert und gucken sich eine Band an, also eigentlich kann man doch einfach paar von seinen Liedern spielen. Mir selber geht das auch so. Ich finde es schwierig, eine Balance zu finden, aber vom Gefühl her denke ich, richtig cool ist es, wenn du dir immer was überlegst, immer was machst. Dann ist vielleicht mal ein Konzert wo jemand geht und sagt „Die haben mein Lieblingslied nicht gespielt“, das hast du bei dem anderen aber genauso und dann geht jemand raus und sagt: „Die spielen „Sohnemann Zwei“ nie.“
ME: Wir versuchen jetzt gerade etwas anderes. Ein Mittelding zwischen jeden Tag das gleiche und alles komplett anders. Mal gucken.
 

Das sah an dem Abend dann übrigens so aus.

Das sah an dem Abend dann übrigens so aus.

 
TK: Fragt mal, ob es ein Medley geben wird!
Wird es ein Medley geben?
TK: Nein, aber ich würde gern eines machen!
Ja von den ganzen Hits dann, damit ihr die alle einmal habt.
TK: Ja! Genau das ist die beste Idee. (lacht)

Was sprach gegen den Namen „Schweinemotor“?

TK: Eigentlich nichts.
ME: Ich konnte mich gar nicht mehr daran erinnern, bis Roland das ausgepackt hat. Ich kann mich erinnern, dass ich das Foto gemacht habe von einem Motor, der aussah wie ein Schweinchen und dass ich ein Lied geschrieben habe, das „Schweinemotor“ heißt.
 
Seit letztem Jahr habt ihr Shirts mit dem „Elephant Man“ im Sortiment. Wie kam es dazu? Wer ist der größte David Lynch Fan?
ME: Ich bin kein David Lynch Fan im eigentlichen Sinne, aber „Elephant Man“ ist schon super.
TK: Ich würde mich als David Lynch Fan sehen. Ich finde den wahnsinn.
ME: Eigentlich kam es glaube bei einer Google Suche. Ich habe nach „Eisenmann“ geguckt und dann kam eben irgendwann dieser Elefantenmann.
TK: Ich habe dazu dieses Poster aus den 90ern/2000ern im Kopf von der Lufthansa „Deportation Class“ und das passte so gut mit diesem Mann mit dem Sack über’m Kopf der da so gefesselt ist zwischen den anderen Leuten und der Geflüchteten-Thematik.
 
Tobert, erzähl doch mal von den Aufnahmen zum „Abalonia“-Video!
TK: Achso, ja, da war ich nicht so richtig lange dabei. Da ging’s mir nicht so gut. Marten und ich sind ganz früh in die Heide gefahren, mir ging es ganz mies, ich hatte Panik und so und dann ist mir ganz schlecht geworden, mir war auch ganz kalt.
ME: Das war auch fürchterlich kalt!
TK: Das war Sauwetter und dann gab es ein Problem mit dem Offiziellen, dass wir da eigentlich nicht drehen durften und dann gab’s ‘ne Pause. Da habe ich mich ins Auto gelegt. Ich weiß nicht wie lange, aber ich habe in diesem kalten Auto gelegen und ich habe mich sooo schlimm gefühlt. Ich hatte so Schüttelfrost, mir war übel, mein Ohr hat hammer laut gesaust und irgendwann habe ich abgebrochen und dann hat irgendjemand anderes meine Jacke angezogen.
 
Der Blog heißt ja Lieblingstape, zum Schluss daher noch die Frage nach euren Lieblingstapes. Welche Platten hört ihr zurzeit am liebsten?
ME: Ich höre ganz viele Platten. Aber das ist immer so wild. Man hat ja so viele Lieblingssachen. Aktuell ist gerade so eine Compilation von Razzia rausgekommen mit Sampler Beiträgen und Obskuritäten. Die höre ich gerne.
TK: Ich höre in Dauerschleife ein Album von einem komischen Schweizer, der unter dem Namen Paysage d’Hiver Musik macht und es gibt zwei Alben. Die eine heißt „Das Tor” und die andere heißt „Die Festung”. Komisches Zeug. Das höre ich ganz viel. Ich höre außer im Shop, wo ich die ganze Zeit sowas höre, zu Hause total wenig Musik und wenn dann eher so analytisch, weil ich was lernen will, weil ich wissen will, wie jemand was spielt.
Ich habe mir ein paar Platten gekauft, das weiß ich noch, weil ich das nicht so oft mache. Eine davon ist Van der Graaf Generator. (zu Marten) Das wollte ich dir noch erzählen! Das ist gut, dass wir da jetzt drauf kommen. Die hat einen ganz tollen Titel und die sieht ganz toll aus und das zweite Lied „Refugees“ ist eine unfassbar schmierige Prog-Rock-Ballade, die total toll ist. Die Cover sind der Wahnsinn. Und die Platte heißt „The Least We Can Do Is Wave To Each Other“.
 
In diesem Sinne, lieber Turbostaat, sehen wir uns auf Tour und winken.
 
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"Ich will das Lied nur noch zu Ende hören."