Über die Liebe zur Musik…

Vizediktator
@Monarch, Berlin am 20.02.2016

Vor 2 Jahren gepostet,von Ling

Etwas ungewöhnlich finde ich es, wenn ich mich alleine zu einem Konzert begebe. Aber gut, das macht eben die Gewohnheit, irgendwie immer in einer Gruppe unterwegs zu sein. Wirklich anders ist es hingegen, wenn ich auch bei dem Konzert niemanden treffe, den ich kenne. Doch genauso ging es mir, als ich am Samstag zur Releaseshow von Vizediktator im Berliner Monarch aufschlug und das half mir auch dabei, mir meine Umgebung etwas genauer anzuschauen – genau die Botschaft, die die Band in ihrer kürzlich erschienenen EP Rausch meiner Meinung nach herüberbringen möchte. Das kleine Lokal war gut gefüllt und das Publikum reichte von Männern und Frauen mittleren Alters in Anzügen und schicken Kleidern über Punks und Bärteträger in den 20ern bis hin zu Menschen älterer Generation. Schien ein großes Ding zu sein, diese neue EP.
 
Aber das kann ich auch verstehen. Vizediktator sind eine mir lieb gewonnene Liveband der Berliner Punk Szene, wenngleich sie selbst ihre Musik als Antipunk bezeichnen. Was genau das heißen mag lässt sehr viel Spielraum für Interpretationen. Gegen-Punk? Anstelle von Punk? Möglicherweise dient das Wort aber auch als eine Leerstelle, um sich in dieser durchaus überfüllten Szene abzuheben. Vielleicht wirkt diese eigene Bezeichnung aber auch wie der literarische Antiheld, der, ausgeschmückt mit Verletzungen, vielschichtiger und tiefer gezeichnet ist als der Held und eine kritische Haltung einnimmt.
 
Meines Erachtens sind Vizediktator in Berlin auf jeden Fall nicht mehr wegzudenken. Mir war es auch gar nicht bewusst, dass die am 19. Februar erschienene EP Rausch tatsächlich die erste EP ist, die sie veröffentlichten, da ihre Musik bei mir schon seit scheinbaren Ewigkeiten auf und ab gespielt wird. Auf der EP finden sich auf jeden Fall eben aufgestellte Parallelen zum Antihelden.
 
Kurz nach 21 Uhr betrat die Band die Bühne des Monarchs. Das Konzert begann mit den ersten Stücken der EP und an der Aufmerksamkeit des Publikums merkte man, dass es aus Menschen bestand, die der Band und ihrer Musik nahe stehen.
 
Dafür, dass Vizediktator am Vortag ihre erste EP veröffentlicht haben, folgte ein ziemlich langes Set, das aus insgesamt 13 Stücken bestand. Den Rahmen bildeten die Lieder von Rausch und dazwischen kamen Titel, die ich entweder von Demos und Konzerten kannte oder mir gänglich unbekannt waren. Somit war das Konzert für mich eine bunte Mischung aus mitsingen und vorsingen lassen.
 
Vizediktator im Monarch

Verrückt und traurig ist es, wie es kaum noch ein Konzert gibt, bei dem sich nicht gegen Nazis stark gemacht werden muss. Und umso toller, damit jedes Mal wieder bestätigt zu bekommen, dass man die richtige Musik hört. So hielt auch Sänger Benjamin Heps beim letzten Lied „Dessau“ eine Ansage, in der er sich, passend zum Inhalt des Stückes, deutlich gegen das aussprach, was momentan in Deutschland und in viel zu vielen Köpfen schief läuft. „Ich hab‘ genug gesehen.“
 
Nach einem kurzen, aber starken Set endet das Konzert mit einem sehr guten Gefühl für mich. Das ist Musik, die etwas in mir bewegt. Ich möchte betonen, dass ich mir wünsche, dass Vizediktator noch viel mehr Bühnen bespielen und auch in anderen Städten groß werden. Es handelt sich immerhin um eine großartige Kapelle, die ordentlich Pfeffer hat und mit Texten um sich wirft, die lustig sind und zugleich zum Nachdenken anregen.
 

About Ling

"Ich will das Lied nur noch zu Ende hören."