Über die Liebe zur Musik…

  • Turbostaat - Abalonia - Promo
  • Turbostaat - Abalonia

Turbostaat: vom
Backpfeifensalat über den Maskenball nach Abalonia

Vor 2 Jahren gepostet,von Ling

Nach den ersten Informationen zum neuen Album von Turbostaat hatte ich mir überlegt, dass mein erster Eindruck unbedingt live entstehen sollte; so lerne ich eine Band und auch ein Album am liebsten kennen. Mit Stadt der Angst hatte ich vor drei Jahren so meine Anlaufschwierigkeiten, wurde dann aber durch die Auftritte damit warm.

 

Nachdem mir Check Your Head Abalonia freundlicherweise zur Verfügung stellten, ist mein Vorhaben natürlich nicht mehr umsetzbar – und das ist auch gut so.

 

Schon seit Wochen sind die Titel der sechsten Turbostaat Platte bekannt, die ich ungewöhnlich knapp finde und die in mir die Befürchtung schürten, dass das Album gänzlich anders sein würde als die älteren Sachen. Turbostaat tendierten sonst immerhin dazu, teilweise ganze Wortgruppen als Titel zu verwenden.

Turbostaat - Abalonia

Vergangenen November in Flensburg hatten eine Handvoll Freunde und ich das Glück Ruperts Gruen, das erste Lied vom neuen Album, live zu hören. Schon bei den ersten Tönen wurde klar, dass der Song zwar anders, aber definitiv typisch Turbostaat ist. Es ist ein wütendes Punkrock Stück, wie man es sich von Turbostaat auch wünscht. Der Eindruck entsteht nicht zuletzt durch Sänger Jan Windmeiers markante Stimme, doch auch die Gitarren und das Schlagzeug sind im unverkennbaren Turbostaat Stil. Und wenn man denkt, dass das Stück vorbei ist, kracht es noch einmal richtig los. Das Lied macht Lust auf mehr und erweckt die Neugier auf das Album. Als Opener eine gelungene Wahl.

 

Am Tag vor dem Release konnten wir schließlich in Plauen Abalonia hören, das albumtitelgebende Stück, womit sich mein Vorhaben mit dem live Eindruck zumindest zum Teil erfüllt hat. Das Lied fand ich schon recht anders als Ruperts Gruen. Im Refrain ist es gewohnt kräftig, aber generell etwas sanfter.

 

Was mich darauf in Hinblick auf das Album am meisten reizte war die Geschichte, die zwischen dem ersten und dem letzten Lied liegt. Das Album beginnt mit einem Titel über einen Flüchtenden und Zeilen wie „Alles ist besser als der Tod“ und endet wiederum förmlich mit einer Beschreibung des Weges zu dem, was nach dem Tod kommt.

 

Spielt man das Album an, hört man, wie eine Nadel auf eine Platte gesetzt wird und diese sich dreht. Das Plattenknistern zieht sich durch das gesamte Album, was vor allem zwischen den Songs und an ruhigeren Stellen hörbar ist. Ebenso schlängelt sich durch verschiedene Lieder ein Chor. Diese beiden Auffälligkeiten tragen dazu bei, die einzelnen Stücke zu einem Ganzen werden zu lassen.

 

Abalonia ist geschmückt mit Geschichten. Dabei trifft man als Hörer auf schnelle, harte Lieder wie Der Zeuge, Der Wels oder Totmannknopf, in denen man vom Sänger in gewohnter Manier angeschrien wird und die Instrumente durch Mark und Bein scheppern. Aber es gibt auch lange Intros, gefolgt von tragenden Melodien wie bei Wolter, Eisenmann und Geistschwein, was Turbostaat spätestens seit Das Island Manᴓver in ihr gängiges Repertoire aufgenommen haben.

 

Auffällig ist Der Wels, ein ungewohnt poppiges Lied, doch in diesem findet sich wie bei einigen Liedern eine starke, politische Botschaft, wodurch ein spannendes Zusammenspiel aus Text und Melodie entsteht. Auch Eisenmann sticht heraus, da das Lied erst einmal außer der charakteristischen Singstimme so gar nichts mehr mit den alten, gewohnten Turbostaat Stücken zu tun zu haben scheint. Und dann gibt es Lieder wie Die Toten, die eine scheinbar völlig neue Richtung einschlagen. Die grundständige Turbostaat Dynamik liegt auch diesem Lied zugrunde, aber es erinnert stark an die 80er und geht in Richtung New Wave mit poppigem Schlagzeug und Hall auf dem Gesang.

 

Dass die Band mit diesem Album die klassische Liedstruktur aufbrechen wollte, zeigt sich schon sehr schnell. Das ist ihnen auch bei Liedern wie beispielsweise Ruperts Gruen, Der Zeuge oder Abalonia gut gelungen, in denen es regelrechte Brüche in den Liedern gibt. Doch sie werden damit nicht langweilig oder wiederholen sich selbst.

 

Auch dieses Album ist durchzogen mit Referenzen, sei es ein Zitat aus Two Sisters from Boston, eine Melodie von Die Nerven, eine von Matula oder ein Titel, der an David Bowie erinnert.

 

Abalonia ist eindeutig der Nachfolger von Stadt der Angst und am weitesten entfernt vom Erstlingswerk Flamingo. Die Stücke sind auffällig lang und musikalisch hat sich die Band mit großen Schritten nach vorn bewegt. Es gibt Songs, in denen Jan Windmeier richtig singt, was man sonst nicht unbedingt von ihm kennt. Zugleich ist das Album melodischer als seine Vorgänger, aber auch sehr düster. Die Texte sind ohne Frage Turbostaat geblieben.

 

Beim ersten Hören blieben mir ein paar Lieder direkt im Ohr, was vermutlich daran liegt, dass diese dem am Nächsten sind, was ich von Turbostaat lieben gelernt habe. Doch die Songs sind mir insgesamt auch schnell ans Herz gewachsen und ich hatte nicht das Gefühl, dass ich sie mir schön hören muss, was meine größte Befürchtung war. Nach kurzer Zeit finden sich schon erste Lieblingsstücke. Wer allerdings Turbostaat der ersten Stunde erwartet wird enttäuscht. Aber dann sollte man vielleicht auch eher die alten Platten auf den Player legen und sich von neuerer Musik fern halten, denn dann vergisst man, dass man auch nicht immer wieder dasselbe Album hören will und sich Bands im Idealfall weiterentwickeln. Das ist mit Abalonia in jedem Fall gelungen.

 

Turbostaat haben noch immer den Punk gefressen und werfen diesen denen entgegen, die zuhören wollen. Der Unterschied ist, dass Abalonia viel mehr ins Erzählerische geht als die vorherigen Alben. Es handelt von Königen und dem Adel, vom Krieg und der Welt, in der wir heute leben. Das Album ist thematisch anders als das, was man sonst von der Band kennt, wobei das Retten und gerettet werden noch immer im Mittelpunkt stehen. Eine große Rolle spielen auch die Flucht und die Suche nach einem besseren Leben, womit sich das Album tief im aktuellen Zeitgeschehen verankern lässt und vermutlich dennoch nicht an Aktualität verlieren wird. Auch die tobende Nordsee bricht immer mal wieder durch einzelne Lieder. Was bleibt und das gesamte Album durchzieht, ist der Tod in scheinbar unendlichen Synonymen.

 

Mir persönlich bleibt natürlich auch die Spannung, das gesamte Werk live zu erleben und zu sehen, wie sich das vor der Bühne anfühlt. Und dann hoffe ich noch auf Der Sturm, denn das Stück kenne ich bisher nicht. Ich bin bereit dazu mich umhauen zu lassen.

 

Dieser Bericht wurde verfasst mit freundlicher Unterstützung von Bobby.

 

Einen Vorgeschmack auf das am 29. Januar 2016 erscheinende Album gibt es bei YouTube:

 

 

PS: „Moderne Märchen rühr’n zu Herzen“ und deshalb gibt’s in den nächsten Tagen noch eine Turbostaat Geschichte. Augen offen halten!

About Ling

"Ich will das Lied nur noch zu Ende hören."