Über die Liebe zur Musik…

You Can’t Let Fear
Steal Your Funk – Run, Melos! in Hannover

Vor 2 Jahren gepostet,von Eileen

„Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!“ Gewagte These, sicher, aber vielleicht wäre Goethe heutzutage auch ein glühender Verfechter der lokalen, unabhängigen Musikszene gewesen. So oder so ähnlich dachten wohl auch die rund 40 Zuschauer, die sich an diesem Abend im Rocker in Hannover eingefunden haben. „Stagelive – Newcomer Bands live on Stage“ schimpft sich die kleine aber feine Veranstaltungsreihe am Steintor, bei der man neben einem ausgiebigen Kater am nächsten Morgen auch immer wieder Perlen der lokalen Musikszene finden kann. Und das alles für lau. Unschlagbar.

 

Im Weihnachtstaumel geht es zwischen Lamettagirlanden, Tannenzweigen und Lichterketten in Richtung der ausklappbaren Bühne am hinteren Ende des Clubs. Es ist eng, es ist warm, es ist genau die Atmosphäre, die kleinen Hinterhofclubs seit jeher ihren ganz besonderen Charme verleiht: Persönlich, gemütlich, unkompliziert. Dass das eigentliche Programm des Abends immerhin ganze 30 Minuten zu spät beginnt stört daher niemanden – viel zu familiär und aufeinander eingestimmt wirken Bands und Publikum an diesem lauen Dezemberabend. Also schnell noch ein Bier bestellt, bevor Rag A Muffin aus Koblenz die Bühne erobern. Musikalisch einwandfrei bewegt sich das Trio bestehend aus Jan, Janik und Jannik irgendwo zwischen klassischem Drei­Akkorde Punk und Grunge mit einem ordentlichen Gitarrenbrett im Gepäck. Die Jungs beherrschen ihre Instrumente, bedienen sich abwechslungsreich bei Nirvana, Green Day und Ska­Einflüssen, leider jedoch ohne einen wirklich markanten Wiedererkennungswert abzuliefern. Punk, Grunge, schnelle Gitarrenriffs: das alles ist meins, mit Leib und Seele, doch so sehr ich mich an diesem Abend auch bemühe, Rag A Muffin holen mich einfach nicht ab. Nicht nach fünf Liedern, nach nicht zehn. Umso erfrischender wirken ein paar Minuten später Run, Melos!, die neben sich selbst zwei dekorative Stoffkissen in Wolkenform mit japanischen Kulleraugen darauf mitgebracht haben, die liebevoll am Bühnenrand platziert werden. Allein für diesen Akt puren Wahnsinns schlägt das Herz bereits ein wenig höher. Alleinstellungsmerkmal? Check.

 

Die gute Laune der fünfköpfigen Pop­Punk Band aus Hildesheim steckt an, ihr Stil rangiert irgendwo zwischen explodiertem Einhorn und einer deftigen Prise Old School Punk. Kurz gesagt: Run, Melos! scheinen es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, einfach konsequent keinem Klischee zu entsprechen. Was bei Songtiteln wie Pornstars Without Make­Up, Boris Jelzin vs. Snake Plissken oder Mark Wahlberg is a Decent Actor auch nicht sonderlich verwunderbar ist. Eine Setlist, die ausschließlich aus Bildern besteht, reiht sich nahtlos in das charmant chaotische Konzept ein und sorgt mehr als einmal für kurzzeitige Irritation an Bass und Gitarre, welches Lied verdammt nochmal denn wohl als nächstes gemeint sein könnte. Und genau mit dieser ungezwungenen Leichtigkeit schaffen Run, Melos!, die selber eingestehen, dass „cool wirken“ nicht so ihr Ding ist, es dann doch, jeden Song zu einem kleinen Erlebnis werden zu lassen. Eine Mischung die ankommt: Wippen zunächst in bester norddeutscher Tradition lediglich ein paar Köpfe im Rhythmus der Bassgitarre, so ist der spärliche Platz direkt vor der Bühne am Ende des Abends nahtlos gefüllt. Geordnetes Chaos vor und auf der Stage. Hier reisst eine Seite, dort fliegt kurz das Mikro in Richtung Bar: Run, Melos! lassen sich an diesem Abend weder durch technische Pannen noch flapsig ironische Publikumsinteraktion aus dem Konzept bringen. Auf der Bühne wird gerockt – vor der Bühne wird gerockt. Das Innere des Rockers hat mittlerweile Temperaturen angenommen, bei denen auch jeder noch so kuschelige Bandpullover über Bord geworfen werden muss. 12 enegiergeladene Songs, dann ist Schluss. Welch ein Ende, welch eine Sause. Run, Melos! sind, das darf gesagt werden, ein Sahnetörtchen mit regenbogenfarbenem Topping unter den zahlreichen lokalen Newcomerbands; die sicherlich beste Rechtfertigung, den Abend nicht bei Glühwein und Schmalzkuchen auf dem Weihnachtsmarkt, sondern mit Bier und lauter Musik in einer verrauchten Kneipe zu verbringen. Das Gute liegt so nah.

 

Steffi Pitzke.

 

About Eileen

"Eigentlich wollte ich ja nicht mehr über Musik reden... "