Über die Liebe zur Musik…

„Es gibt nur Musik. Der ganze
Rest ist Marketing oder aufgeladen mit Kulturvorstellung.“ – Im Interview mit Herrenmagazin

  • Lieblingstape
  • Im Gespräch.
  • „Es gibt nur Musik. Der ganze Rest ist Marketing oder aufgeladen mit Kulturvorstellung.“ – Im Interview mit Herrenmagazin
Vor 2 Jahren gepostet,von Eileen

Lieblingstape: Als Einstieg – Nenne drei Dinge, die du meinst, die wir beide gemeinsam haben.

Deniz: Wir lebten bede im Speckgürtel Lüneburg. Musikgeschmack, nehme ich an. Und kulturelle Nische.
Lieblingstape: Und ich dachte, du würdest als erstes Brille sagen. Nur deswegen habe ich mir die Schallplatte geholt, wegen dem Brillenputztuch. Damit putze ich mir wirklich jeden Morgen die Brille. Aber nie mit euren Gesichtern, sondern immer mit der weißen Rückseite.
Deniz lacht: Ich putze immer mit meinem Gesicht.

Lieblingstape: Mach bitte drei „Wir”-Aussagen. Zum Beispiel: “Wir sind in diesen Raum und freuen uns auf die nächsten 30 Minuten.“ Also hoffentlich.

Deniz: Wir fahren zum ersten Mal Nightliner und das ist voll geil.
(Rasmus kommt herein, stellt sich erst schweigend neben Deniz): Ist live?
Deniz: Wird live an einen Satelliten übertragen.
Lieblingstape: Ich habe zu Hause einen Affen, der tippt das direkt…
Deniz: Ich habe noch einen Satz! Wir wundern uns gerade über einen leicht schrägen Auftritt von Rasmus Engler.
Lieblingstape: Ja, wohl wahr.
(Rasmus setzt sich.): Ich nehme an, der Affe, der das abtippt, versteht mich auch von hier. Baltazar mit Namen?
Lieblingstape: Ne, der heißt Egon.

Lieblingstape: Damit wir uns nicht in Quatsch verzetteln – Wie schnell schließt ihr Freundschaften?

Deniz: Ich sehr schnell, ich renne in die Arme von Menschen, sehr schnell.
Lieblingstape: Und auch sehr naiv?
Deniz: Naja, nicht naiv, aber ich verlange auch nicht so viel. Was ich damit sagen will: Ich komme mit einer oberflächlichen Freundschaft klar. Also ich kann unterscheiden zwischen einer richtigen Freundschaft und einer Bekanntschaft. Aber Bekanntschaften schließe ich sehr gerne, sehr schnell und leichtfertig.
Rasmus: Kann ich, glaube ich, so unterschreiben. Ich habe aber bisweilen Probleme da die Unterscheidungen zu treffen. Es gibt auf jeden Fall länger jährige Bekanntschaften, als man sich vorstellen kann. Wo man sich dann tatsächlich über Jahre nicht sehen muss, um am selben Punkt wieder anzusetzen.

Lieblingstape: Meldet ihr euch oder lasst ihr euch melden?

Deniz: In der Schule?
Rasmus: Beim Amt?
Lieblingstape: Nej, bei Freunden.
Rasmus: Ich bin ein klassischer Melder. Vorausmelder. Ich bin so ein Tourmelder und dann sage ich immer allen vorher Bescheid. Zum Beispiel in Köln kommen ganz viele Leute aus meinem Kindergarten.

Lieblingstape: Eventuell im Hinblick auf die Tour – Was ist die schönste Aussicht im Leben?

Deniz: Die schönste Aussicht ist die Sonne, das Licht.
Rasmus: Ich glaube, das kann man pauschal sagen.
Deniz: Die schönste Aussicht ist ein sonniger Wintertag.
Rasmus: Mit einem einsamen Hündchen in der Mitte des Ausblickes.

Lieblingstape: Was macht ihr, wenn ihr in den Spiegel guckt?

Rasmus: Flüchten.
Deniz: Eincremen. (Rasmus lacht)
Lieblingstape: Oh, Gossip! Auch den Bart?
Deniz: Ich habe jetzt das Bartöl entdeckt und finde es total super. Ja, man muss sagen, so eine gewisse Gesichtspflege habe ich jetzt kultiviert. Die Unibrown wegmachen, Feuchtigkeitscreme, Bartöl, Kanten rasieren.
Lieblingstape: Und auch zum Barbier gehen?
Deniz: Ich liebe das! Das ist das einzige, was mir wirklich fehlt am Bart tragen, das zum Barbar zu gehen und sich rasieren zu lassen.
Rasmus: Aber kannst du dem nicht sagen, dass du nur 0,4mm oder Kanten möchtest? Oder macht der nur blank?
Deniz: Joar, vielleicht könnte ich ihm das sagen, aber… Ach. Dann macht der nur bisschen die Kanten…
Rasmus: Das ist auch nicht weniger dekadent, als sich ihn komplett abrasieren zu lassen. Du musst dann aber auch das Ohrendetail erwähnen.
Deniz: Die Haare an den Ohren wegrasieren, ja.
Lieblingstape: An oder in den Ohren?
Deniz: An und in lass ich mir die Haare wegmachen. Oder im Nacken – ich habe einen umtriebenden Nackenhaarwuchs.

Lieblingstape: Bevor wir da weiter ins Detail gehen – Wovon kriegt ihr nie genug?

Deniz: Von Liebe.
Rasmus: Freizeit.
(Kollekitves Lachen)

Lieblingstape: Überzeugt euch eure Selbstkritik?

Deniz und Rasmus zeitgleich: Ja.
Deniz: Ja und nein. Sie steht einem schon oft im Weg, da haben wir uns, besonders Rasmus und ich, so ein bisschen drin gefunden. Wir verkaufen uns beide nicht besonders gerne und bieten uns ungerne so an. Selbstkritik ist für mich im positiven Sinne eine Reflexion, die dazu führt, dass man sich hinterfragt und deshalb besser wird. Es ist ein Antrieb seine Qualität zu steigern, indem man ehrlich zu sich ist und sich eingesteht, dass man es noch besser machen kann. Andererseits ist sie auch hinderlich, weil man die Dinge nicht genießen kann. Man kneift sich nicht und sagt „Geil, guck mal, was wir erreicht haben.“, sondern denk immer daran, dass man es noch besser oder anders machen kann.
Rasmus: Man ist halt immer seine eigene Kontrollinstanz. Das ist natürlich immer noch mehr irreführender, als wenn das jemand anderes ist.
Lieblingstape: Ich glaube, man nervt sich teilweise selbst viel zu sehr.
Deniz: Ja, schon. Aber wir arbeiten in einer Branche, in der extrem viel Schaumschläger sind. Denn ich glaube, die Leute sind mit sich selbst oft zu unkritisch und wenn sie sich so selbst feiern und selbst… Wie soll ich sagen?
Rasmus: Sag einfach „überhöhen“.
Deniz: Ja, genau, und das selbst immer so schön reden, was sie machen. Das ist uns fern.
Rasmus: Die Sache ist ja einfach – alles, was wir machen, ist Quatsch. Der Schmied, der ein Hufeisen schmiedet, hat am Ende ein Hufeisen. Wir machen Platten. Kein Mensch braucht die Platte. Und Leute, die über ihre Kunst so reden, als sei das ein lebenswichtiges Element für alle, die da draußen sind, die sind einem ganz gewaltigen Irrtum überlegen. Zuerst kommt das Fressen, dann kommt die Kunst. Das ist nun mal die Wirklichkeit und nicht anders herum. Ich habe einen ganz starken Ekel vor den Leuten, die versuchen zu legitimieren, was sie da tun, einen ideologischen Unterbau zementieren müssen. Und der ist halt nicht von Nöten. Entweder man macht’s oder lässt es bleiben. Wir machen’s halt. Ich glaube, wir können und wollen uns nicht in die Richtung legitimieren, dass es irgendwie einen Sinn und Zweck hätte.
Deniz: Das ist alles Marketing. Es gibt nur Musik. Der ganze Rest ist Marketing oder aufgeladen mit Kulturvorstellung.
Rasmus: Das sind ja alles fremde Codierungen. Das haben sich andere Leute vorher ausgedacht und damit möchte ich nichts zu tun haben.
Deniz: Das ist ja auch das Problem. Sowas zu sagen, ist nicht besonders funky. Das liest man nicht besonders gerne.
Wir sind dann einfach zu ehrlich, aber es ist uns dann auch egal. Denn es ist alles konstruiert. Alles. Die Leute nehmen die Sachen einfach zu ernst und sehen nicht, was es eigentlich ist. Man hat natürlich einen gewissen Wunsch sich zu äußern und gehört zu werden und geliebt zu werden und es bedeutet mir total viel, wenn Leute schreiben, wie wichtig die Musik ist, die wir machen. Aber das findet eben im Kopf eines jeden einzelnen statt. Wir wollen kein ideologischen
Überbau bieten, wir wollen die Straße nicht asphaltieren, auf der die Leute dann lang tanzen können.Bildschirmfoto 2015-12-02 um 16.34.23

Lieblingstape: Wann werden die Selbstzweifel am Lautesten?

Deniz: Gerade wenn man eine neue Platte macht. Sie werden dann gedämpft durch die Euphorie und unsere Arbeitsweise, die einigermaßen spontan und intuitiv ist. Aber im Großen und Ganzen sind die Selbstzweifel omnipräsent. Immer, in allem, was wir tun. Wenn du Zuschauerzahlen anguckst, Plattenverkäufe, Rezensionen liest…
Lieblingstape (flüsternd): Also ich habe ja eine ganz Schöne geschrieben, nur so nebenbei. Oh, jetzt habe ich mich selbst abgefeiert.
Rasmus: Das ist auch vollkommen richtig. Im Gegensatz zu uns.
Deniz: Du darfst uns abfeiern. Und wir dürfen dich abfeiern.

Lieblingstape: Aber warum dürft ihr euch denn nicht abfeiern?

Rasmus: Weil dann schlechte Songs rauskommen.
Deniz: Weil sich das nicht gehört. Weil man dann unvorsichtig wird. Dann macht man Fehler und tappt in seine eigene Falle.
Rasmus: In seine Gefälligkeit.
Deniz: Und dann schnappt…
Deniz und Rasmus synchron: Die Falle zu. (lachen)
Rasmus: Dann ist man nur noch ein Marder, der mit seinem Hinterbein gebrochen…

Lieblingstape: Was war denn der schönste Augenblick, den ihr mit der Band erlebt habt?

Rasmus: Wenn Konzerte gut laufen, bewegt man sich auf euphorischen Terrain. Ich glaube, das kann man auch niemandem erklären. Wir haben mittlerweile allesamt den Partnerinnen vermitteln müssen, warum man diesen Quatsch überhaupt noch macht. Das geht einfach nicht. Es ist mit der deutschen Sprache nicht zu vermitteln, was es bedeutet, einen euphorischen Moment mit vier anderen erwachsenen Männern auf und nach der Bühne zu haben.
Deniz: Es ist ein so positives Gefühl, was da auf dich nieder schwappt. Von vorne und dann auch von Innen. Das kann man nicht erklären. Umso schwieriger ist es, glaube ich, dann den Punkt zu finden… Ich kann verstehen, warum Leute immer weiter machen. Ich beäuge es kritisch, aber kann es total verstehen.
Lieblingstape: Es würde doch einfach etwas fehlen.
Deniz: Absolut. Das ist so verbunden mit der Identität.

Lieblingstape: Wofür seid ihr einander dankbar?

Deniz: Das wir so lange durchgehalten haben. (lachen) Das ist nicht selbstverständlich. Das muss man schon wollen.
Rasmus: Ich glaube auch, dass man guten Gewissens sagen kann, dass man auf einer Ebene freundschaftlich verbunden sind, die das ermöglicht hat. Und die es auf so eine lange Distanz bei anderen Bands nicht gibt.
Lieblingstape: Familie ist ja immer.
Deniz: Freundschaft ist auch immer.

Lieblingstape: Ja, zum Glück als Gegenpol. Wie sollte man als Elternteil sein?

Deniz: Mein Vater hat immer gesagt: „Man kann bei der Erziehung nur Fehler machen.“ Den einzigen Fehler, den man nicht begehen darf, diese Fehler nicht zu akzeptieren oder zu glauben, dass man keine Fehler machen kann. Ich weiß nicht, wovon ich rede, ich habe kein Kind. Es ist ein try and error, so wie ich mir das vorstelle. Wenn man so sauer ist oder impulsiv, man ist ja nicht immer neutral, man ist nicht nie objektiv bei sowas. Wenn du nachts aufstehst, total müde
bist, weil dein Kind schreit, bist du nicht objektiv. Dann bist du sauer. Sich nicht selbst zu vergessen, das ist, glaube ich wichtig. Die Fassung zu bewahren. Man muss nicht alles richtig machen.

Lieblingstape: Wie oft erwischt ihr euch selbst dabei, dass ihr denkt „Ich bin ja wie mein Vater.“ oder wie die
Mutter?

Deniz: Ich bin aber auch eine schreckliche Mischung aus beidem. (lachen) Die Selbstzweifel und Harmoniesucht von meinem Vater, die gewisse Sachlichkeit von meiner Mutter und vor allem ein ausuferndes Temperament, die Impulsivität.
Rasmus: Bei mir merke ich es, dass ich mich in einem Tonfall erwische, den ich anschlage und im Gucken. Im nichts sagen und Gucken entdecke ich meinen Vater.
Deniz: Ich entdecke ganz oft meinen Bruder. (Deniz zieht Grimassen)

Lieblingstape: Ich bin ja eigentlich Pädagogin. Daher frage ich mich, ob wir am Ende nicht doch nur ein Produkt
unserer Eltern sind?

Deniz: Natürlich. Man ist nicht frei. Man ist ein Produkt seiner Eltern und seines Umfeldes. Das kriegt man auch nicht raus. Wie heißt es so schön: „Man kriegt die Leute aus’m Dorf, aber das Dorf nicht aus den Leuten.“
Rasmus: Dann lässt irgendwann die Verdrängungsleistung nach und man muss sich überlegen, wo die beiden sitzen im Kopf.

Lieblingstape: Ist es denn so, dass Genetik verbindet? Muss man seine Sippe mögen?

Rasmus: Das finde ich zu biologistisch. Das ist doch Käse. Man muss sie nicht mögen, aber sich eingestehen, dass man die Macken, die man so hat, wahrscheinlich nicht nur daher kommen, dass die Gesellschaft so furchtbar ist. Sondern das aktiv darauf eingewirkt wurde. (lacht)

Lieblingstape: Wie viele Lügen verträgt ein Mensch?

Ramus direkt: Alle.
Deniz: Alle, ja. Aber lügen ist sehr anstrengend. Und das ist abhängig davon, wie belastbar man ist.
Rasmus: Ne, die Wahrheit ist doch viel belastender für die meisten.
Deniz: Wenn man sich ein Lügenkonstrukt aufbaut und im Kopf haben muss, wie ich denn jetzt weiterlüge und was ich erzählen kann. Es baut ja aufeinander auf und das ist sehr anstrengend.
Rasmus: Aber für die meisten Leute ist das Lügenkonstrukt doch das, was ihr Leben erträglich macht.
Deniz: Das sind sozusagen andere Lügen. Es gibt ja viele Lügen und Dinge, die einem vorgegaukelt werden, die man so akzeptiert. Zum Beispiel wenn ich hart arbeite, dann werde ich irgendwann reich. Das ist ja Quatsch. Nicht grundsätzlich, aber in 90% der Fälle. Das sieht man an der Vermögensverteilung, an der Schere von Arm und Reich und trotzdem
funktioniert dieses System.
Rasmus: Beruf ist, glaube ich, für viele Leute die große Lebenslüge. Nine to five ist halt eine Lüge. Damit kannst du nicht glücklich sein.
Deniz: Das merkt man auch immer in der Uni. Alle geil auf arbeiten und dann sind sie im Job und dann merken sie: Warum bin ich nicht glücklich? Jetzt bin ich endlich normal, aber ich bin nicht glücklich. Dann gehen sie zum Therapeuten und machen ein Café auf. Der Kapitalismus ist die größte Lüge.
Rasmus: Aber da kommt ja auch keiner raus.
Deniz: Eigentlich weiß man es besser, aber man macht es ja nicht.

Lieblingstape: Wenn ihr in der Band eine Familie wärt, was ihr ja quasi seid, wer wäre welches Mitglied?

Rasmus: Familienaufstellung nach Bert Hellinger.
Deniz: Thorben wäre der Großvater.
Rasmus: Leicht senil.
Deniz: Ja, und braucht viel Pflege.
Rasmus: Ist auch nicht immer ganz zurechnungsfähig.
Deniz: Paul wäre der Vater.
Rasmus: Paul wäre auf jeden Fall das Oberhaupt.
Deniz: Ne, Paul ist die Mutter, die alle lieben.
Rasmus: Die im Hintergrund die Fäden zieht.
Deniz: Genau, die herzliche Mutter. Paul ist die Matriarchin. Und Rasmus und ich sind die Kinder.
Rasmus: Das schwarze und das weiße Schaaf.
Deniz: Ich bin der ältere Bruder, der, weil der Vater ja weg ist, schon früh auf den kleinen Bruder aufpassen musste. Rasmus ist das Sorgenkind. (Rasmus lacht laut)
Lieblingstape: Du kannst dich noch daraus winden, wenn du möchtest, Rasmus. Es sei denn, du fühlst dich mit Sorgenkind ganz wohl.
Rasmus: Was soll ich machen? Ich kann mich jetzt auch nicht als Cousin ummünzen.

 

Das Interview führte Franziska Sophie Bothe.

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