Über die Liebe zur Musik…

Herrenmagazin –
Sippenhaft: Kein Gefühl ist illegal

Vor 2 Jahren gepostet,von Eileen

Herrenmagazin-Sippenhaft„Komm, besser als das, was die Zukunft nun bereit hält, ist die Geschichte, die uns bis hier hin vereint, weil sie dich trotz, der mir lieb gewonnen Wahrheit, im Zweifel bis auf’s Blut verneint.“, heißt es im Opener des neuen Tonträgers.

 

Was der Sänger Deniz Jaspersen denn für eine Geschichte meint, zwischen wem sich diese abspielt, weiß ich nicht. Dafür weiß ich aber, was ich damit verbinde und assoziiere. Herrenmagazin schaffen es mal wieder, dass sie mit ihren Liedern Bilder in meinem Kopf malen – doch das ohne in fetter Schrift vorgegebenen Zahlen, an denen man sich penibel halten und abarbeiten kann. Man kann sich an ihnen orientieren, die das große Thema des Albums manifestieren, muss es aber auch nicht. Die musikalische Umsetzung, die – auch wenn es vorerst negativ klingen mag – erwachsener geworden ist, hinterlässt das Farbspektrum und färbt somit das eigene Bild im richtigen Ton.

 

Anfangs zweifelte ich leicht, als sich in den weiten des Internets herumsprach, dass sich die gesamte vierte Platte einem Thema widmen wird: Der Sippenhaft, dem kollektiven Sein in Kombination von Abhängigkeiten und Verantwortungen, dem verdammten Ursprung.
Denn unser soziales Umfeld, unsere Freunde suchen wir uns bewusst aus, suchen in ihnen das, was wir nicht sind – in die Familie wird man reingeboren. „Was hat mich hier her verschlagen? Wer hat mich hier verloren? Wo bin ich nur reingeraten?“, wird sich laut im Titeltrack gefragt.
Am Ende des Tages sind wir doch alle ein Produkt unserer Eltern. Diese Erkenntnis schmerzt und ist somit umso wichtiger in der eigenen Entwicklung, um sich selbst in seinem Kosmos norden zu können, zu wissen wohin das Ziel in Form eines Weges gehen oder eben überhaupt nicht gehen soll. Das fällt einem spätestens dann auf, wenn man bei der Therapeutin sitzt und einen mehrere Seiten langen Fragenkatalog über das Verhältnis zu den Eltern ausfüllen muss. Sie beeinflussen uns, oft ungewollt und unbewusst, doch trotzdem geistern ihre Erwartungen unter der Spitze des Eisberges, den wir unser Ich nennen. Eigentlich wollen wir ihnen doch gefallen, wollen Aufmerksamkeit und Anerkennung. Doch was passiert, wenn diese wegbleiben? Nicht nur das fernbleibende Lob, sondern auch die Verwandten an sich, weil man das Gefühl nicht los wird sie im Grunde genommen nicht zu kennen – außer die Lügen, von deren Wahrheit jeder in der Familie weiß, aber sie niemand ausspricht. Wichtiger ist es, dass keiner der Bilderrahmen im Treppenhaus schief hängt und die extra für die christlichen Feiertage rausgeputzte Weste weiß bleibt.

 

Wer kennt dieses Gefühl nicht, wie man wütend nach gescheiterten Heimatbesuchen vorher als geplant zurück fährt, weil man sich enttäuschte, ankeifte und sich dabei allerdings nicht das Ziel setzte, die Familie mal ordentlich aufzumischen, nicht höflich jegliche Oberflächlichkeiten abzunicken und auf den Tisch zu hauen, dass man genug von all der Heuchelei habe. „Alles so bekannt“ heißt der Track, der sich perfekt dazu als Soundtrack in der Stille nach dem Sturm eignet. Als Teenagerin hätte ich den Text teilweise auf Papier gebracht und so drapiert, dass er auf jeden Fall von irgendwem der Sippe gefunden wird. Doch umso älter man wird, desto mehr findet man sich mit den Verhältnissen ab und hat dennoch weiterhin „keinen Funken Verständnis“. Auf dem Dorf fand ich nie das, was ich suchte beziehungsweise wusste ich zu dem Zeitpunkt nur, dass es nicht das ist, was ich möchte und machte mich daher auf den Weg nach Berlin. Niemand möchte so werden wie seine Eltern, niemand möchte permanent mit ihnen oder den anderen in diesem Clan verglichen werden.

 

„Gegen Ende deines Glases findest du es zweifelhaft, ob die Art und Weise richtig war, doch du hast es so gemacht.“

 

Es ist diese trockene Klarheit in den Texten, die ich an Herrenmagazin so sehr schätze. Das, was nach dem ersten Hören des Albums bleibt, schmeckt wie Ingwer-Tee, der ein wenig zu lange zog. Anfangs ist alles ok, neutral, doch im Abgang ist er ziemlich bitter, so dass man ihn wieder zurück ins Glas spucken möchte. Doch gehört sich so etwas nicht, schließlich genoss man eine gute Erziehung, in der viel wert auf das eigene Benehmen und die Wahrnehmung der eigenen Person von anderen gelegt wurde, deswegen schluckt man ihn herunter und am Ende war es der Ingwer, der aus der Sommergrippe befreite. Das sollte man auch beim intensiven Hören berücksichtigen, denn auch wenn „Sippenhaft“ anfangs Wunden aufreißt, die spätestens dann wieder weg sind, wenn man heiratet, profitiert man nur davon.
Reagieren tut der Körper mit aufgewühlte Geschichten, die man permanent versucht zu verdrängen, wieder zurück in die Schublade stecken und den Schlüssel dafür so weit wie möglich verstecken möchte. Sie sickern dann doch durch und pochen auf ihr Hausrecht. Kein Gefühl ist illegal. Schon gar nicht, wenn es echt war.
Wer während den elf Liedern mit betreutem Denken rechnet, wird schlicht und ergreifend enttäuscht. Das kann man doch nicht von einem Album erwarten, das einen Antworten auf Fragen liefert, die man sich vorher nicht stellte. Und vor allem nicht stellen wollte. Das benötigt eine ganz schön große Portion Mut und Herrenmagazin schaffen es, dass man sich danach im Spiegel betrachtet, ohne eine Grimasse zu ziehen, die nur die eigene Unsicherheit überspringen soll und man sich selbst sieht – mit all dem, was bisher war und jetzt gerade ist und unaufhaltsam kommen wird.

 

Die Platte „Sippenhaft“ erschien am 7. August 2015, bestellt sie euch inkl. Brillenputztuch im Online-Shop vom Grand Hotel van Cleef, was euch auf jeder anstehenden Familienfeier den klaren Durchblick verleihen wird, geht auf ein Konzert, bewundert die Männerschuhe von Deniz und gebt ihnen im Anschluss einen goldenen Tequila aus.
Danke Deniz Jaspersen (Gesang/Gitarre), Paul Konopacka (Bass), König Wilhelmsburg (Gitarre) und Rasmus Engler (Schlagzeug). Vielleicht schenke ich meiner Therapeutin nach der letzten Stunde, bei der es wahrscheinlich eh nicht bleiben wird, denn irgendwas ist ja immer – Familie ist ja immer – diesen Tonträger.

 

Franziska Sophie Bothe

About Eileen

"Eigentlich wollte ich ja nicht mehr über Musik reden... "