Über die Liebe zur Musik…

Olli Schulz:
Die Ehrfurcht vor dem Scheitern.

Vor 2 Jahren gepostet,von Eileen
519rLsIyfML._SY300_Liebe Menschen, die auch im neuen Jahr gute Musik hören wollen: Am 9. Januar werdet ihr erste Erfolgserlebnisse erleben, denn an diesem besagten Freitag kommt die neue Platte „Feelings aus der Asche“ von Olli Schulz raus.

Auf jedem Mixtapes of Love sollte sich der Opener „So muss es beginnen“ befinden. Und der Mensch, mit dem das eigene Herz synchronisiert ist, sollte neben einem auf dem Sofa oder schon direkt im Bett sitzen – schweigend und grienend, gierig und abwartend, realitätsfern und rational, gesucht und gefunden, versprechend und hoffend. Oder man geht durch die Straßen, hört über ein Cinch-Y-Kabel mit zwei Kopfhörern das Lied und blendet dabei die hektischen Leute um einen herum komplett aus, treibt durch seine persönliche Parallelstadt, für die man seine eigene Landkarte zeichnete, zusammen Umwege geht, manchmal auch alleine in eine Gasse einbiegt und erst einmal nicht weiter weiß. Und dann steht man plötzlich doch wieder „wie ein Gangster vor deinem Fenster“, hört sich selbst „Komm raus!“ rufen und freut sich zusammen über Herzen, die explodieren.

Olli Schulz zeichnet mit diesem Album sich in mein Herz brennende Bilder. Mal spürt man während „Mann im Regen“ regelrecht den Sturm der Küste im Gesicht, das von der tief herunter gezogenen Kapuze der gelben Regenjacke trotzdem nicht genug geschützt ist. In mir schleicht sich das Gefühl von Unbehagen im Herzen, eine innere Unruhe, die nicht richtig definiert werden kann. Der Nieselregen kommt frontal von vorne; Petrus ist ein Arschloch, das keine Rücksicht nimmt und für Blitz und Donner sorgt, so dass man nicht mehr weiß wohin mit sich in diesem Leben. Doch wenn der Song aufbricht, sich musikalisch dramaturgisch vor einem aufbäumt, ziehen die Wolken weiter. Und dann bekommt man einen Rettungsring von der Person, die zuvor Möbel in der gemeinsamen Wohnung umstellte, zugeworfen, der dankend angenommen wird.

Mit diesem Lied im Herzen ist es leicht schwer zu sein, da „Mann im Regen“ einen in eine Welt eintauchen lässt, die einem so viel Luft gibt, Raum zum Bewegen und neue Richtungen aufzeigt. Das Wetter ist ein stetiger Begleiter, auf das man nicht warten kann, es passiert einfach so und man kann nur versuchen sich richtig zu kleiden und manches auch manchmal abzugeben; aus der Hand zu lassen und das, was zurück kommt, soll so sein. Man muss lernen es dann festzuhalten und genügend Platz zu geben, damit es wachsen kann.

Mal steht man auf einem schwankenden Schiff, der Barhocker verliert fast den Kontakt zum Boden. Währenddessen poltert das Klavier in „Boogieman“ und liefert so den letzten Song der Nacht, was mit einer vom Alkohol getränkten Stimme von einem Typen gesungen wird, dem es scheinbar schlecht geht, wobei er nur „die Zeit im Gesicht“ hat. Solche Menschen haben kein Mitleid verdient, sondern ein offenes Ohr, wie man es auch Schulz bei seinen aus dem Leben ergriffenen Geschichten schenken sollte.

Aber wie oft verpasst man die schönen Dinge des Lebens, weil man im richtigen Moment mit den falschen Gedanken beschäftigt ist und „verloren im Licht“ steht, so dass man andere nicht sehen kann. Erst bei Dunkelheit erkennt man, wie die Sonnen einem den Scheitel verbrannte. In „Kinder der Sonne“ geht es vielleicht darum, vielleicht auch nicht. Es ist anmaßend zu behaupten, es zu wissen. Denn dieses Album wirkt persönlich, was ihn als Künstler betrifft genau so authentisch wie seine humorlastigen Rollen im Fernsehen. Das erste Mal ist ein Langspieler von ihm nicht im Ansatz lustig, zwar gibt es altbekannte fetzige Wortspiele, doch keine Songs, die darauf aus sind nur zu unterhalten.

Und dann gibt es da noch dieses Lied, für das mir fast die Worte fehlen. „Als Musik noch richtig groß war“ lässt mich mit seinen drei textlichen Ebenen immer wieder verstummen und gleichzeitig sehr laut im Kopf werden. Sobald Schulz über die Bedeutung von Musik, seiner Kindheit „ohne Halt“, dem ersten Verliebtsein und seiner Tochter singt, werde ich wehmütig. Dem derben Kitsch entkommt er trotz der deutschen Sprache gekonnt, so dass ich den Gedanken daran „Deine Worte waren meine Strophen, deine Augen der Refrain.“ in einen Ehering im Präsens gravieren zu lassen, äußerst schön finde. Oder sie erst einmal vor dem Zuziehen der Haustür heimlich zwischen den Laptop der Person lege, mit der ich zuvor noch über Ollis Qualitäten als Reimemonster, was er im Lied „Dschungel“ zum Besten gibt, lachte.

Doch manchmal stellt man fest, dass man sich in einer Beziehung im Kreis dreht, der darauf hinausläuft, dass man in verschiedene Richtungen katapultiert wird. Entweder bremst man kurz, damit jemand aussteigen oder festgehalten werden kann. Aber der unaufhörliche Schwindel der letzten Zeit ist nicht zu ertragen. Zum Abschied eignet es sich, statt mit Liebe im Bauch mit ganz viel Wut in den Füßen, tänzelnd zu „Das kann hässlich werden“ Umzugskartons zu packen.

Der letzte und ebenso Titelsong hallt musikalisch nach, doch auch das gesamte Album hinterlässt seine nachwirkenden Spuren. Denn Olli Schulz wühlt damit in so manchen menschlichen Abgründen, in die jeder mal rutscht, doch nicht jeder etwas zum Greifen findet. Allerdings geht es nicht um das hoffnungslose Scheitern, nein, vielmehr um ein pathetisches, ehrenvolles Scheitern, woraus man viel mit in die stabile Seitenlage des Lebens nehmen, die er ebenso aufrichtig vertonen kann.
Franziska Sophie Bothe

About Eileen

"Eigentlich wollte ich ja nicht mehr über Musik reden... "