Über die Liebe zur Musik…

Eine
Liebeserklärung über 9346 Kilometer

Vor 3 Jahren gepostet,von Eileen

2013-12-16 16.22.54PIEEEEEEP PIEEEEEEP.

Flensburg, 05:00 Uhr morgens. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als einfach liegenzubleiben bzw. nicht nach Hause fahren zu müssen und male mir aus was passieren würde, sollte ich meinen Zug verpassen. Wie viel Geld habe ich noch im Portemonnaie? Zu wenig. Wie würde der Chef reagieren? Utopisch. Der Gedanke ist also schnell verworfen und ich raffe mich auf. Dusche. Ich möchte nicht zurück in den Alltag, aber die letzten Wochen waren Ponyhof genug. 9346 Kilometer später resümiere ich die vergangenen drei Monate. Neuntausenddreihundertsechsundvierzig.

 

Angefangen beim 2. Oktober bis hin zum 15. Dezember durfte ich 19 von meinen 24 Turbostaat-Konzerten dieses Jahr in 18 verschiedenen deutschen Städten sehen. Ich weiß immer noch, dass sich die Mehrzahl von euch fragt, wie so etwas organisatorisch überhaupt funktioniert, warum es jedes Mal die gleiche Band sein muss, ob es mit der Zeit nicht langweilig wird und wie das ganze denn unter dem finanziellen Aspekt zu betrachten ist? Diese Fragen werden unsereinen sicherlich noch ewige Jahre verfolgen, nicht zuletzt von den Bands selbst gestellt, die es indirekt betrifft.

Ich finanziere mich neben meiner unbezahlten Ausbildung durch Nebenjobs und habe das große Glück auf meinen etlichen Reisen Gleichgesinnte kennengelernt zu haben. Und jene sind das beste und schönste Standbein, was man sich in dieser Zeit aufbauen kann. Denn neben dem praktischen Effekt der Übernachtungsmöglichkeiten, wäre alles andere nur höchstens halb so wundervoll ohne sie!

 

Kommen wir zum Eingemachten.

Meine Reisen verteilten sich über 2 1/2 Monate. Die Konzerte fanden hauptsächlich am Wochenende statt und das ein oder andere Mal konnte ich mir auch ein paar Tage Urlaub leisten. ICEs wurden so früh und so billig wie möglich gebucht, Treffpunkte und Wohnungsschlüsselübergaben handelte man aus, Spritkosten sollten geteilt werden. Ich habe mir zu all den Tagen ein paar Notizen gemacht und da das hier kein Roman werden soll, bleibe ich lieber bei einigen Eckdaten und Höhen sowie Tiefen dieser Tour.

 

oktoberOktober:

02.10., erster Urlaubstag und das Ziel vor Augen. An jenem Tag hieß der Destinationpoint „Faust“ in Hannover. Der Laden war für Turbostaatverhältnisse riesig und mein Tourtagebuch verrät mir, dass Die Nerven den Supportslot besetzten. Ich mochte Die Nerven nicht und war gelangweilt aber der Laden war erstaunlich prall gefüllt und die Stimmung zumindest während Turbostaat total am brodeln. So war es auch am nächsten Tag im ziemlich großen Conne Island in Leipzig, wobei das i-Tüpfelchen an diesem Konzerttag die reizenden Buben von Love A waren, wodurch der Abend perfekt abgerundet wurde. Am 04.10. in Jena war ich jetzt schon körperlich total durch und kauerte den ganzen Tag im Bett, während meine Erkältung eine eigene Party feierte. Abends schleppte ich mich natürlich trotzdem ins Kassablanca, wo ich noch nicht genau wusste wie ich den Abend überstehen sollte und verpasste vor lauter Konzentration auf mein Bewusstsein irgendwie Rhonda, die jenen Gig eröffnen sollten. Da ich in meinem Zustand eh nichts mehr zu verlieren hatte, und man ein Turbostaat Konzert entweder ganz oder gar nicht mitmacht, stürzte ich mich einfach ins Gedrängel und das miese Körpergefühl war plötzlich verflogen, was das Konzert ganz wunderbar werden lies. Verrückte Sache das. An diesem Tag wurden zum ersten Mal unglaubwürdige Blicke seitens der Band geerntet und man bedankte sich sogar für unser Erscheinen. Noch verrückter. Ohne meine Stimme und mit einer schönen Bronchitis kehrte ich am nächsten Morgen zurück nach Hause. Pause.

 

12.10.: Eigentlich wollte ich nur nach Aachen fahren, doch Stuttgart liegt ja fast auf dem Weg. Genau. Nach etlichen Stunden Zugfahrt bin dann auch ich endlich in der elendigen Volksfestgegend angelangt. Laut gelacht wurde trotzdem, spätestens als wir am Venue ankamen und den Tourbus entdeckten, der soeben ein Verkehrsschild umgenietet haben musste. Der Club Zentral war bisher die kleinste Location und fühlte sich schon wie eine Sauna an, bevor irgendjemand die Bühne betrat. EF waren mit dabei und machten Post Rock. An sich bestimmt ganz schön, aber irgendwie unpassend als Vorprogramm für die deutsche Schrammelband. Ich blieb die ganze Zeit nur an der Seite stehen, da mir das ganze zu schwitzig wurde, denn jeder muss gefühlt zwei Liter ausgedünstet sein. Ich freute mich über „Vormann Leiss“, das zum ersten Mal ins Set genommen wurde.

Aachen, 13.10. – endlich mal wieder den ganzen Tag abgammeln und abends schön zum Musikbunker chauffiert werden, genau mein Ding! Die Reihenfolge der Setlist war an jenem Tag total unterschiedlich, es wurde z.B. mit „Fraukes Ende“ begonnen und ich freute mich später sehr über „Pennen bei Gluffke“. Der Raum war zwar voll, aber luftig und in den ersten Reihen schubste man sich ein wenig hin und her. Zum ersten mal erfahre ich wie krass unterschiedlich die Stimmung im Norden und Süden doch ist! Trotzdem sind die 1 1/2 Stunden immer viel zu kurz. Der erste Teil der Tour ist somit beendet und ich düse am nächsten Morgen wieder nach Berlin.

Am 30.10. machen wir zwischen der ganzen Arbeitszeit endlich wieder einen Abstecher. Berlin – Magdeburg lautete die Strecke. Die Feuerwache war fast ausverkauft und das verblüffte mich nicht, als ich den Raum betrat. Winzig! Mit Dabei waren Black Heino, die mich sehr an Abwärts erinnerten. Leider stellten sich von Anfang an schon eine handvoll besoffene Asis in den Vordergrund, ansonsten wäre das eine runde Nummer geworden.

 

 November:

07.11., mein Zug fährt mich nach Göttingen und die Vorfreude ist quasi doppelt so hoch, da auch die Racker von Findus dabei sind. Wir sind fast die ersten und es ist vieeel Platz vorhanden. Der drei Meter Anstandsgraben bei Findus verkürzt sich bei Turbostaat auf einen Meter. Immer noch viel zu viel, aber die Menge braucht massig Zeit um aufzutauen. Da beweist Osnabrück am nächsten Tag doch glatt das komplette Gegenteil. Klein, schwitzig, laut: Drei Dinge die ein gutes Turbostaat-Konzert ausmachen. Wie das abging! Der Schweiß rieselte von Wand und Decke und das Publikum brüllte sich die Seele aus dem Leib. Osnabrooklyn Tourhighlight, eindeutig! Am 09.11. und dem dritten Tag in Folge trieb es mich nach Düsseldorf ins Zakk. Leider ohne Findus, aber mit Ten Volt Shock und die können auch was! Wieder so eine große Location und noch dazu die Bühne auf Höhe einer Nackenstarre. Der Auftritt war trotzdem ganz reizend. Publikum und Band waren happy, das zählt. Nachts durfte ich alleine durch die Stadt irren, bevor der Zug am nächsten Morgen wieder in Richtung Heimat fuhr. Hälfte vorbei.

 

2013-11-21 16.27.34Und ihr könnt bestimmt schon nicht mehr lesen, wa?

Scheiß drauf, Punk.

21.11. Die ganze Hamburg-Flora-Sache war ja sowieso schon spontan genug und ich hab mich noch kurzfristiger entschieden da wirklich hinzufahren. 5€, nur Abendkasse. Natürlich war ich zeitig da, aus Angst nicht mehr reinzukommen. Woher sollte ich auch vorher wissen, dass dort drin tatsächlich 500 Menschen Platz finden würden? So habe ich natürlich vergebens auf den riesen Ansturm gewartet. Dieses autonome Gebilde namens Rote Flora sieht im Inneren genau so aus wie von draußen: Zugetaggt, beschmiert, ranzig, aber irgendwie dufte. Der Punkeranteil war natürlich dementsprechen hoch, was dem Konzert einiges an Bewegung schenkte. Schön war das. Das zweite Hamburgkonzert konnte ich leider nicht miterleben, weil ich morgens direkt wieder ins Büro kriechen musste.

 

 

Dezember:

Für mich kam nun endlich der längste und damit auch spannendste Teil der Tour. Am 05.12. machten wir uns auf den Weg nach Bremen. Doch dank dem Orkan „Xaver“ blieben wir direkt in Hannover stecken. Keine Bahn fuhr nach Bremen. Nix fuhr nach Bremen. Und nu? Kein Personal wusste weiter und wir wurden schon leicht panisch. Aber jetzt ziehen wir einfach wieder den Bogen zu den lieben Freunden, die man so unterwegs kennengelernt hat. Zu einer von ihnen sind wir dann doch gekommen, um schließlich zusammen mit dem Auto über Stock und Stein bis nach Bremen zu tuckern. Erstes Abenteuer? Check! Pünktlich zu Findus sind wir glücklicherweise noch angekommen und das ganze wurde dann doch noch zu einem guten zweiten Tourstart. Scheiß Bahn. Am nächsten Tag watschelte ich mit meinen löchrigen Schuhen zum ersten mal durch den Schnee. Münster’s next! 06.12., Nikolaus – wir sind schon recht zeitig in der Stadt und schmökern durch die Läden und über die Weihnachtsmärkte, bis wir später die Sputnikhalle aufsuchten. Eine halbe Stunde nach Einlass sind wir die ersten vor Ort. Wie gemütlich ticken die Bewohner denn hier? Zu Love A, die wieder einmal grandios abliefern, wird es aber doch ordentlich voll. Es gab zwar wie immer keinen Graben, aber eine sehr breite Ablage direkt vor der Bühne, welche das Publikum von der Band abschnitt. Trotzdem heizte sich der Laden während Turbostaat extrem schnell auf und die Leute ließen sich nicht daran hindern völlig abzudrehen. Das hat Spaß gemacht! Im Anschluss gammelten wir noch ein wenig bei der Dancehall vs. Electro Party ab, bis endlich gegen 01.00 Uhr unser Zug in Richtung Koblenz fuhr. Nach einer fünfstündigen Fahrt im eigenen Abteil mit umlegbaren Sitzen (geil!) gewährte uns das Elternhaus einer Freundin endlich ein Obdach (noch geiler!).

 

2013-12-10 09.23.0507.12. – Nach dem Ausschlafen ist der große Tag da: In Köln sollte das Interview stattfinden, also war ein frühzeitiger Abmarsch angesagt. 16:00 Uhr, Stollwerk: Joscha ist mit dabei und wir entern den Kahn! „Wie, ihr wollt ein Interview machen? Davon weiß ich nichts“. Immer die gleiche Leier. Hat aber im Endeffekt doch noch geklappt. Seid gespannt auf das Ergebnis! Eine kleine Vorschau seht ihr anbei. Das Konzert hinterher war übrigens auch großartig, vor allem weil die fantastischen Pascow und Freiburg mit dabei waren. Hammer LineUp, hammer Stimmung!

Kommenden Nachmittag treibt es uns weiter nach Essen. Die Zeche Carl ist im Gegensatz zum Vortag wieder ziemlich klein. Die Nerven sind erneut mit dabei und gefallen mir nun schon besser, obwohl einer von ihnen ein antikes Kleid trägt. Turbostaat kommen auf die Bühne und der Raum sieht lückenhaft aus. Dementsprechend war das Konzert nicht schlecht, aber lahm. Braunschweig am 08.12. war erneut ganz anders: Klein und schwitzig. Ich fand sogar Gefallen an Die Nerven.

 

Am nächsten morgen saß ich wieder im Büro. Es folgten am 11.12. Halle und am 12.12. Cottbus zusammen mit den gewöhnungsbedürftigen 206. In beiden Städten war ich zuvor noch nie auf einer Veranstaltung gewesen. Der Klub Drushba in Halle war auf der Tour wohl die kleinste Location, wobei das Gladhouse in Cottbus einfach nur riesig war.  Es kamen trotzdem einige Leute die die Halle füllten und an den richtigen Stellen „Zugabe“ brüllten. Außerdem gab es das „Island Manöver“ als Intro. Fanastisch!

Die größte Vorfreude hatte ich aber wegen dem 13.12.: Wir fuhren bei feinstem Wetter wieder einmal nach Hamburg, wo abends ein Captain Planet Konzert mit 100 Leuten auf einem winzigen Schiff namens Hedi auf uns wartete. Wir waren so im perfekten Timing drin, dass wir es danach noch ins Clouds Hill Studio zum Auftritt von Turbostaat schafften, die vor höchstens 50 Leuten (und hauptsächlich Sektschwenkern) ein kurzes Set spielten. Meine beiden Lieblingsbands in der Lieblingsstadt an meinem Geburtstag. Das war eindeutig ein perfekter Tag!

14.12., Düsseldorf. Das erste Flensburg-Konzert von Turbostaat verpassten wir, da wir erneut ins Zakk fuhren um dem Angry Pop Fest mit Leitkegel, Love A und Captain Planet einen Besuch abzustatten. Aber vor allem taten wir dies, um später wieder das Auto abzugeben, das uns seit Köln von A nach B brachte. Den Turbostaat Tourabschluss durften wir natürlich keinesfalls verpassen und so pilgerten wir im Zug am nächsten morgen in den höchsten Norden. Das letzte Konzert stand an und ich wusste nicht was ich mehr tun werde: weinen oder trinken. Im Endeffekt tat ich beides nicht in Mengen aber freute mich außerordentlich über Stücke wie „Am Ende einer Reise“ und „Frieda und die Bomben“.

 

Und jetzt sind wir wieder am Anfang dieses Textes angelangt. Was bleibt sind Unkosten, neue Bekanntschaften, zahlreiche Erfahrungen sowie Erinnerungen und eine Zeit, die es bis zum nächsten Konzert zu überbrücken gilt, denn ich freue mich jetzt schon darauf.

 

blog

Dank an PeterMartenRolandJanTobert -natürlich-, Kristin, Eva, Pauli, Lisa, Fabian, Sonja, Anne, Sandra, Marcy, Geka, Madi, Joscha, Lotti – ohne die alles undenkbar oder viel komplizierter gewesen wäre – und natürlich Nicole, die mich vor dem finanziellen Ruin bewahrt hat und für alles andere.

 

Jetzt habe ich schon versucht mich kurzzufassen, aber hat es irgendwer überhaupt bis hier her geschafft? Wenn ja: Wow und lieben Dank auch an euch!

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"Eigentlich wollte ich ja nicht mehr über Musik reden... "