Über die Liebe zur Musik…

Bye bye
Hip Hop, hallo melodischer Indie-Rap!

Vor 4 Jahren gepostet,von Eileen

Eileen:

Wie schafft der Junge nur wieder voll ins Schwarze zu treffen, obwohl dieses „Hinterland“ kaum ein Funken von „XOXO“ wiederkehren lässt? Ich meine, wie kann man seinen Stil so derart verändern und trotzdem noch einschlagen wie eine Bombe? Casper hat es uns mal wieder gezeigt, dass er the one and only Master im Deutschen Hip-Hop ist. Doch kann man diese Richtung überhaupt noch so schimpfen? Die beiden neuen Produzenten hinterlassen deutlich ihre Spuren. Markus Ganter produzierte unter anderem Sizarr und Konstantin Gropper steht normalerweise hinter dem Mikrophon bei Get Well Soon. Beide rühren in der Schüssel und schütten eine ordentliche Portion Indie hinzu.

Musikalisch wird auf viel Klavier, Chöre und bekannte Gäste wie Kraftklub oder Tom Smith von den Editors gebaut. Textlich ist die Langspielplatte, wie zu erwarten, großartig und viel weniger depressiv als sein Vorgänger, bleibt teilweise aber dennoch ernst und es entpuppen sich vorallem auch einige gute Laune-Lieder. Beim Hören begibt man sich zudem in eine kleine Zitatehölle. Gerne werden die eigenen und eingefleischten Wortfetzten á la „Anti alles für immer“ wiederholt. Es kommt aber auch vor, dass von Die Sterne, Slime, Tomte oder nochmals Turbostaat eine Zeile abgezwackt wird.

Da haben wir also wieder vergebens auf ein Back-to-the-roots-Tonträger gewartet. Doch solange Alben wie „XOXO“ und „Hinterland“ am Ende bei raus kommen, soll Casper das doch bitte so beibehalten. Dass er dennoch ordentlich mit Wörtern um sich schmeißen kann, beweist er noch immer gerne bei seinen Live-Auftritten.

 

Joscha:

Als ich Hinterland das erste Mal gehört habe, dachte ich als erstes, dass das Psychologie-Studium nicht komplett an Herrn Griffey vorbeigegangen ist. Damit meine ich, dass die ersten beiden Stücke Lieder sind, die schon als Singles mit Gold-Status veröffentlicht wurden. Somit sind die ersten 9 Minuten direkt vertraut und es wird langsam in das Album eingeführt. Clever gemacht.

Der Rest des Album zeigt sich sehr abwechslungsreich und Casper entfernt sich weiter vom Hip Hop. Die Platte ist für mich ein reines Indie-Album, was aber gar nicht schlimm ist. Der Hype um das Album ist auf jeden Fall verdient, es ist verdammt gut. Jedoch muss man trotzdem Abstriche machen… Eine Anspielung jagt die nächste. Casper zitiert sich ununterbrochen selbst und referenziert alte Lieder. Was ich Anfangs noch cool fand, emfinde ich mittlerweile als etwas viel des Guten. Vom Refrain bei „Alles endet (aber nie die Musik)“ kriege ich Kopfschmerzen. Es ist richtig anstrengend das Lied zu hören. Außerdem weiß ich nicht, was ich davon halten soll dass das Lied mit einer Zeile von Turbostaat beginnt (ohne dass sie als solche zu erkennen ist). „Lux Lisbon“ mit Tom Smith von den Editors ist wie der Engländer sagen würde „not my cup of tea“ und beim Ende von „Ariel“ muss ich immer an den indisches Akzent von Dev Patel in „The Best Exotic Marigold Hotel“ denken da Lied und Film mit dem selben Zitat enden. Aber auf der anderen Seite liebe ich den fröhlichen Beat von „Jambalaya“, den emotionalen Text von „20qm“ und die komplett neuen Töne von „La Rue Morgue„.

Trotz aller Kritiken ist es eine geile Platte bei der sich der Kauf lohnt. Für jeden Road Trip geeignet aber auch für alle möglichen anderen Lebenssituationen geeignet.
Bye bye Hip Hop, hallo melodischer Indie-Rap. Bitte weiter so.

 

Arabell:

So, da hat der gute Casper also das lang ersehnte Album Nummer drei am Start und wieder einmal geht das Geschreie los. „Das ist doch kein Hip Hop mehr!“, schreien die Einen, die Anderen sagen zufrieden, dass sich der Wahl-Berliner nur einmal mehr selbst erfunden hätte. Aber jetzt mal ehrlich: Warum der plötzliche Aufschrei als das Album (in Form eines Leaks) seinen Weg in die Bevölkerung fand? Die Vorabauskupplungen „Im Ascheregen“ und „Hinterland“ waren doch Vorbote genug dafür, dass es keinesfalls ein zweites XOXO geben würde.
Gut, das Album geht aufgrund dessen vielleicht nicht ganz so leicht in den Gehörgang wie sein Vorgänger, aber nicht nur gute Weine brauchen Zeit für ihren Reifeprozess – das gilt auch für Platten. Manche muss man eben Tage, wenn nicht sogar Wochen lang hören, bevor man ein Urteil fällt.
Um es mit Caspers Worten zu sagen; das neue Album ist „anders, aber gut!“ Man merkt, dass seine Wurzeln eben nicht im Hiphop liegen – wie oft hatte er das die letzten Jahre immer wieder betont? Das reihum gefeierte „Alles Endet (aber nie die Musik)“, zündet bei mir nicht wirklich – womöglich wegen dem nervigen „Lalala“-Chor, den ich hier sehr überflüssig finde. Genauso nervig ist der Cheerleader-Chor bei „Jambalaya“, obwohl Casper hier wieder textlich brilliert. Meine absoluten Favoriten sind „Nach der Demo ging’s bergab“, „Ariel“ und „Ganz schön okay ft. Kraftklub“.
Textlich gesehen, kann er sein Niveau halten; auch wenn es mir mittlerweile ein klein wenig zu viele Zitate und Anspielungen anderer Bands sind. An die neue musikalische Untermalung seines rauchigen Sprechgesangs konnte ich mich schnell gewöhnen. Solange der Typ weiterhin so gute Texte schreibt, könnte im Hintergrund wahrscheinlich auch Jazz laufen – ich würde es trotzdem noch gut finden.

 

Foto (Header): Olaf Heine // Presse, Sony

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"Eigentlich wollte ich ja nicht mehr über Musik reden... "

  1. Tilmann3. Oktober 2013, 23:57

    WIR KÖNNEN ALLES UND ALLES KÖNN‘ WIR SEIN!!!

    Wer das nicht als Turbostaat-Zitat erkennt, hat kein Herz, lieber Joscha.

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    • joscha4. Oktober 2013, 10:39

      Hey Tilmann,

      ich rede nicht von Turbostaat-Fans. Der durchschnittliche Casper-Fan ist nicht zwangsläufig Turbostaat Fan. Wer Turbostaat nicht kennt weiß nicht dass es ein Zitat ist. Zum Vergleich, Turbostaat haben ca. 20.000 Facebook-Fans, Casper hat 718.000. Ich schätze dass ca 700.000 der Fans von Casper keine Ahnung haben dass das von Turbostaat ist.
      Wer weiß, vielleicht rennen nächste Woche 18-jährige Casper-Fans zum tätowierer und lassen sich ihr neues „Lieblings-Casper-Zitat“ tätowieren. Deswegen schreibe ich ja dass ich nicht weiß ob ich es gut oder schlecht finden soll.

      Meine Sorge war ja nur dass eine der besten Zeilen von Turbostaat in ein falsches Licht gezerrt wird. Aber vielleicht ist das nur eine Turbostaat-Fanboy-Sorge 😉

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      • Tilmann8. Oktober 2013, 10:20

        Nach deiner Schätzung haben also 700.000 Casper-Fans kein Herz. Kommt hin. 😉

        Jaja, ich sollte da nicht so sein, aber es gibt halt solche die bei Casper in der ersten Reihe stehen und japsend schreien und dann von casper gesagt bekommen, dass sie mal n bisschen ruhig sein solln. Und dann gibt es die, die es schätzen und sich freuen über jedes mal, wenn Casper einer der großen Bands unseres Landes seinen Respekt zollt. Seien es Turbostaat oder Tomte etc. Letztlich schüttel ich den Kopf bei seiner Musik oft genug, aber er hat schon seien Charme.

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