Über die Liebe zur Musik…

GLORIA
– Schlicht & ergreifend

Vor 3 Jahren gepostet,von Eileen

Gloria_Cover_rgb_800Vor etwa fünf Jahren kam es glücklicher Weise dazu, dass sich Klaas Heufer-Umlauf und Mark Tavassol dazu entschieden, gemeinsam Musik zu machen. Aber ob man sich dazu überhaupt bewusst entscheidet, sei in den Raum gestellt. Sowas passiert viel mehr. Und genau das sind doch die guten Dinge im Leben. Nicht alles vorher akribisch planen, eher darauf warten, wohin die nächste Schnappsidee einen treibt und diese dann naiv verfolgen. Dabei muss man nicht nur der Fügung, sondern auch dem Kompagnon vertrauen können.

 

Fragmente wurden zu Songs, die vergangenen Dienstag bei einer öffentlichen Generalprobe in Berlin mit einer gewissen jungfräulichen Nervosität, die durchaus die Stimmen und Saiten hätte zittern lassen können, und einem debilen Grinsen präsentiert wurden. Der gemeinsame Tonträger hört auf den gleichen Namen und wird ab dem 27. September 2013 zu erwerben sein.

 

Natürlich wäre es bei den Vornamen angebracht in jedem Absatz Klaas und Wir sind Helden (die ursprüngliche Band von Mark) zu erwähnen. Doch geht es nicht darum. Es geht um authentische Musik, die subtil von Unsicherheiten, aufrichtige Freundschaft, der Angst jemanden Nahes oder auch sich selbst zu verlieren und dem Leben, in dem die Zeit des Playmobil-Spieles vorbei ist, handelt.

 

Ohne den Versuch zu starten das Sprachrohr einer Generation zu sein, erkennt sich wohl der Großteil der jungen Stadtmenschen beispielsweise in „Eigenes Berlin“ wieder. So auch ich, da mir die Halligallistadt seit nun zwei Jahren ein anderes Dach, als das des Elternhauses, über den Kopf gibt. In der Zeit habe ich gelernt, was Heimweh bedeutet und wie verführerisch die Stadt dabei mit Neonlichtern wirbt, sich mit diesem Gefühl im Magen „die Nacht zu geben“ und nur die Augen zu dröhnender Musik zu schließen, dass weder das Gefühl noch das Ich zu spüren ist. Dabei habe ich mir doch nur die Edeka-Kassiererin aus meinem Heimatdorf gewünscht, die mich seit meiner mehrmaligen Diebstahlversuchen von Ü-Eiern kennt und nicht den Späti-Mann, von dem ich zwar nachts Bier und Longpapes bekomme, der mich aber nicht einmal namentlich kennt. Manche kommen wegen des Medienpraktikums her, andere, weil sie meinen es stehe so in der Definition von Glück. Doch ist eine Großstadt das, was du daraus machst. In der Anonymität braucht jeder nicht gesuchte, aber trotzdem gefundene Konstanten. Ansonsten fragt man sich schnell wie im Song: „Was hält mich schon für immer hier?“

 

Um die Berge zwischen den Tälern geht es, vielleicht, in dem Lied „Mein Tag“. Manchmal ist es schwer beide Füße standhaft auf dem Boden zu lassen, das Schweben, auch über andere, ist ein erhabenes, geiles Gefühl. Dabei nimmt man nicht wahr, wie scheiße man doch gerade zu seinen Freunden ist. Ich, ich, ich. Da hilft auch kein noch so gut gemeinter Rat, kein „’ne Nacht drüber schlafen, Junge“, denn wegen des Defizits dringt eh nichts zu einem durch. In einer leicht zu platzenden Seifenblase hetzt man weiter, kommt währenddessen selbst nicht ganz hinterher. Die Erkenntnisse, dass es einem auch immer etwas schlecht geht, wenn es einem zu gut geht, lieber „etwas vorsichtiger“ zu sein, auf sich acht zu geben, treffen hoffentlich nicht zu spät ein.

 

Der Song „Zu vage“ knüpft thematisch an den durch das Album ziehenden, strömenden roten Faden an. Menschen an seiner Seite zu haben, die auch nach Jahren noch da sind, immer, auch wenn man gegen Wände schreit, ist wertvoll. Zu oft gibt es da diese Leute, die überall und dadurch nirgends sind. Vielleicht melden sie sich, vielleicht vergessen sie unser Treffen nicht, vielleicht kommen sie spontan noch vorbei, vielleicht geben sie dir Sicherheit, vielleicht kennen wir uns. Doch wie es so schön in Hamlet von Shakespeare heißt: „Einen Menschen wirklich zu kennen, hieße sich selbst zu kennen.“

 

Beinah würde ich es als taktischen Zug sehen, die Platte ausgerechnet im anbrechenden Herbst zu veröffentlichen, denn diese tragende Schwermut in den knapp 40 Minuten passt nur allzu gut in die verregnete, matschige und gleichzeitig bunt gefärbte Jahreszeit. Denn „wenn man die Augen zu macht, klingt der Regen wie Applaus.“, wie Klaas es in dem Enno Bunger-Cover „Regen“ singt. Die Worte fallen wie Tropfen, sie werden zu Bindfäden. Sie glänzen auf den Lippen. Der Versuch sie mit dem Handrücken davon zu streifen, führt nur zu Schlieren. Man hat den Drang schweigend, das Gesicht unter einer Kapuze versteckt, orientierungslos durch die Gegend zu gehen, immer schneller zu werden, am Ende beinah zu rennen und registriert nicht, wie durchnässt die Klamotten schon sind.

 

Direkte Texte, ohne viele Schnörkel, wodurch man beim ersten Hören denken könne, sie liegen auf der Hand, geben einen dann doch genügend Freiraum zur eigenen Interpretation. Der Tonträger hält sich zurück, bedeckt sich, nicht vor Scharm, denn das hat er keineswegs nötig, sondern eher vor Demut. Keiner der Beiden scheint den Anspruch gehabt zu haben die einzig wahren Antworten geben zu müssen und damit wie ein Schüler dem Lehrer mit dem Finger fast in der Nase rumzubohren, sondern aufrichtige Lieder zu schreiben, komponieren und das alles eigentlich eher für sich selbst zu machen. Und das hört man.

 

Wer hier auf Grund der sämtlichen TV-Formate von Klaas das große Entertainment sucht, wird auf Wahrhaftigkeit, Werte, Willen und Wunden stoßen. Auch wenn die Reime berechenbar sind, treffen sie dort in der angezeichneten Mitte der Zielscheibe namens Mensch, wo sie vorbestimmt waren zu landen: Im Herzen.

 

Franziska Sophie Bothe

About Eileen

"Eigentlich wollte ich ja nicht mehr über Musik reden... "